PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Ausgabe #5

»Total Eclipse of our Hearts«

ESSAY     GESPRÄCHE

LYRIK       DRAMA       PROSA

AUTOR_INNEN     PRINTAUSGABE

DIE SINGLE DES JAHRES │ EDITORIAL
22.10.2018 – 25.10.2019

Klavier:

Es sollte ein dünnes Heft werden, die PS#5. Ein wenig wieder so wie die PS#1. Damals, als wir vor den Toren dieses Projektes standen – unser Netzwerk überschaubar und die Einsendungen zählbar.
Wir lesen Audre Lorde zusammen, denken gemeinsam nach, was bereits gelingt und wie. Was es zu wünschen, zu tun, zu schreiben, zu denken und zu leben gibt, wie Emotionen und Differenzen politisch produktiv gemacht werden können. Um eine mögliche Gegenwart auszustatten, die nicht scheitert und nicht zum hedonistischen Schneckenhaus von Einzelnen verkommt. All das in Verbindung zum Literaturbetrieb, zu eigenen Prozessen und Bedingungen des Schreibens und Zurechtkommens. Es passt mal wieder nichts zusammen.

»Differenz ist nicht lediglich zu tolerieren, sondern vielmehr als ein Fundus notwendiger Polaritäten zu sehen, zwischen denen unsere Kreativität sich dialektisch entzünden kann. Nur dann wird die Notwendigkeit gegenseitiger Abhängigkeit nicht mehr bedrohlich sein. Nur in dieser Wechselbeziehung verschiedener Stärken, anerkannt und ebenbürtig, kann sich die Fähigkeit entwickeln, neue Arten des Seins in dieser Welt zu suchen, ebenso wie die Courage und existenzielle Grundlage, jenseits bereits gefestigter Schemata zu handeln. Innerhalb dieser wechselseitigen Abhängigkeit nicht-dominanter Differenzen liegt die Sicherheit, die es uns ermöglicht, in das Chaos der Einsicht hinabzusteigen und zurückzukehren mit wahrhaftigen Visionen unserer Zukunft und der Energie, jene Veränderungen herbeizuführen, die eben diese Zukunft einleiten. Differenz ist diese raue und machtvolle Verbindung, aus der sich unsere ganz persönliche Kraft formt.«
Übers. aus: Audre Lorde, The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House
in: Sister Outsider, Crossing Press, 2007

Klavier:

300 Seiten Lyrik liegen vor mir. Ich

Bass:

Die #5 wollen wir genießen. Unseren Jahresrhythmus beibehalten, einhalten, durchhalten. Lustvoll.

frage mich: Was haben wir uns dabei gedacht? Eine Lyrikausschreibung. In der Hoffnung, es würden weniger Einsendungen werden, die Auswahl würde leichter und das Heft sich verkleinern. Doch dann kehrt beim Lesen die Freude zurück. Ein Gefühl des Glücks und der Hoffnung, wie schon bei der ersten und der zweiten, der dritten und der vierten Ausgabe, über so viele Verbündete, so viele Autor_innen, die so viel Kluges zu schreiben wissen.

Gitarre:

Nach einer Lesung im Winter die-ses Jahres stand ich mit den beiden anderen Autor_innen des Abends und ein paar Zuhörenden zusammen. Der Autor, ein älterer Herr, klagte darüber,

wie sich der Literaturbetrieb verändert habe. Dass die Literatur an und für sich immer unwichtiger werde und die Leute anfingen, in Texten ihr Leben auszubreiten. Unwirsch sagte er plötzlich: „Schicksale haben wir alle! Literatur ist Sprache.“ Ich bin an diesem Abend wütend nach Hause gefahren. So, wie ich oft wütend gewesen bin nach Kulturveranstaltungen und es mir schwerfiel, zu formulieren, warum. In Gesprächen mit der PS-Redaktion, wo nichts beschwichtigt wird, wo niemand sagt: „Jetzt nimm das mal nicht so ernst“, konnte ich der Wut auf die Spur kommen.

Bass:

Release-Feier, Versand, Crowdfunding, Online-Ausgabe, wir schicken die Ausschreibung für Lyrik-Texte hinaus, diskutieren das Thema der kommenden Ausgabe. Redaktionssitzungen via Skype. Einen Finanzantrag stellen. Vernetzungsarbeit. Dann: Ich weiß endlich, worum es in meinem Essay gehen wird! Wir wählen die Lyrik für die #5.

Backing Vocals:

Das ist ein Chor. Der gibt den singenden Hintergrund. Der hält die Wolken aus Pappmachée, den krümmbaren Horizont, er liegt im Schatten, da liegt es sich gut. Der Chor ist sich oft uneinig, der Chor ist genervt. Ja, der Chor spricht mit sich selbst über Skype und die Verbindung ist meist schlecht und dann rauscht eine Klospülung so laut, dass er sich wieder nicht versteht und rumschreit und alles anders will. Der Chor will seine Autor_innen bezahlen. Der Chor will, dass alle sich mal kurz in den Schatten legen können, um sich was auszudenken. Der Chor entschuldigt sich fürs Rumschreien. Der Chor ist so recht aus der Puste, diese roten Wangen, diese glasigen Äuglein. Wer hat nochmal diesen blöden Satz mit dem wir-schonen-uns-nicht vorgeschlagen? Ach, es ist der schönste Chor der Welt.

Über 80 Einsendungen. Die vierte Ausgabe war so umfassend und wir waren erschöpft. Wir lernen daraus. Ach ja? Spürst du die Erschöpfung? Wir genießen diese Ausgabe. Die Buchmesse zieht vorbei, wir sprechen mit dem Radio, lektorieren sämtliche Texte – entscheiden, ab jetzt die Lektor_innen zu den Texten zu nennen, uns nicht länger selbst unsichtbar zu machen. Denn: Diese Kooperation braucht für keine der Seiten (Redaktion/

Autor_in) schambesetzt zu sein. Im Gegenteil. Den Mythos des einsamen, einzelnen Künstlergenies hatten wir schon vor drei Jahren verworfen. Der lange Mai: Wir sind in Wien bei den Kritischen Literaturtagen. Wir arbeiten die Lektorate mit den Autor_innen durch. Ist das Interview schon fertig und abgetippt? Unser Verein gemeinnützig? Wer macht den Workshop zur Buchhaltung? Weißt du, wie schön der Dreh für das Crowdfundingvideo wird! Lasst uns schwimmen gehen. Du fehlst. Und ich bin erschöpft, muss mal alleine sein. Morgen verabschieden wir uns. Dann gibt es wieder nur Skype zwischen Leipzig, Wien, Berlin, dann kann ich dein Gesicht nicht sehen, dich nicht umarmen, nach zwei Stunden Arbeit und Streit übers Internet.

Gitarre:

Für die allermeisten von uns ist ein Satz nicht einfach nur ein Satz. Unsere Geschichte, unsere Stellung in der Welt zwingt uns dazu, die Ebenen dahinter zu sehen. Man muss ein immenses Privileg genießen, wenn man Sprache als eine vom Leben losgelöste Sache ansehen kann. Wenn Gegenwart, Geschichte, Gesellschaft und Schicksale lediglich als Kulisse dienen können, als färbten sie nicht jedes Tun und Sein ein.
Sobald Wut Raum gegeben wird, kann sie sich entfalten und in Kraft verändern. Wut bedeutet, die Dinge nicht mehr hinnehmen zu wollen und das wiederum bedeutet einen Aufbruch. Und der Aufbruch ist der Anfang der Befreiung. Immer wieder waren wir von der PS im vergangenen Jahr wütend; wütend über Literaturdebatten, wütend darüber, wer wieder und wieder übersehen wird, wütend darüber, wie marginalisiert viele Stimmen

Backing Vocals:

Ey, Gitarre, du hast ja schon den Stierblick! Vielleicht verrennst du dich grad ein bisschen. Wut allein reicht doch nicht. Immer diese Affekt-hascherei. Kennst du übrigens schon den Witz von der Literaturnobelpreis-trägerin und dem Labrador? Nein? Also…

nach wie vor sind. Aber indem wir der Wut Raum geben, kann Analyse und Auseinandersetzung folgen, der sich andere anschließen und –

Schlagzeug:

Es reicht. Am Rande stehen (am

Rande der großen Literaturgeschichte zum Beispiel) heißt nicht, dass wir alle ins Zentrum hineinreichen müssen. Das Zentrum ist nicht ‚natürlich‘, sondern das Ergebnis von sozialen Kämpfen. Wer im Zentrum steht, wer zentral ist, hat ein gewisses Durchsetzungsvermögen angehäuft und zum Einsatz gebracht, immer auf Kosten sogenannter Anderer. Wir haben uns gefragt und fragen uns weiterhin, wie sich dieses Vermögen umverteilen lässt, auf so viele wie möglich. Wir wollen nicht zentral sein, wir wollen die Zentrifugalkräfte sammeln und bündeln, das Zentrum aufmischen und uns nicht nur um eine Achse drehen.

Backing Vocals:

»Ich wollte nächstes Jahr mal was anderes machen. Mal was anderes machen. Ich hab meinem Kollektiv gesagt, ich mach ne Pause. Ne Pause. Was ist Pooh ohne Iaah? Ah! Was ist Frederik ohne Piggeldy? Nie! – aber wie ist die Liebe fürs Kollektiv? Tief!«

Naja, schwierig ist da nur der Übergang. Auch ein Chor muss seine Lücken pflegen. Den Grind von den blinden Stellen kratzen. Es juckt, es juckt! Man muss die Rezepte selbst erfinden, um mit seinen Unzufriedenheiten umzugehen. Erste Hilfe: oho, das Pathos-Wir! Denn Pathos stellt Gemeinschaft (wieder) her. Darum klettert der Chor manchmal auf eine Bühne, das tut gut, wie Salbe. Zweite Hilfe: die Ideale! Die Idealisierungen! Wer würde sich schon selbst so ausbeuten, ohne daran zu glauben, die notwendigste aller Zeitschriften herauszugeben? Einmal noch die Augen über den Korrekturfahnen zusammenkneifen, dann drehen wir die Verhältnisse um!

Bass:

Hast du noch eine Idee? Zu viele! Für die #5, die #5 wollen wir genießen. Unseren Jahresrhythmus beibehalten, einhalten, durchhalten. Sicher, dass wir das auch noch machen wollen? Daran habe ich Spaß! Mir macht das Druck. Da kommt eine schnell ins Schlingern. Dieses heroische, fristvergessene ‚Ideal’ für etwas, das sich nicht rechnet. Sorry, es kippt grad. Hilf mir mal, halt mir den Kopf, sag: Haltung führt zu Arbeit, und das ist ok. Vieles gelingt, nur der eigene Essay bleibt auf der Strecke. So geht es uns und den Autor_innen. Wir sind sechs, darum herum ein Netzwerk. Scheitern ist erlaubt.
Was angefragt war und fehlt: Erotik, Risiko, Hunger, Rausch – deren Ausformulierungen. Rausch im Literaturbetrieb? Bitte? Na gut, das deckt die Lyrik ab.
Dann: Wir hatten uns versprochen, jede Einsendung zu beantworten. Wir schicken auch selbst Texte an Zeitschriften und wissen, wie das sticht: Keine Eingangsbestätigung, keine Reaktion. Aber auch uns geht was unter, klar. Synthi, komm mal her, ich brauch eine, die meine Widersprüche trägt. Sind die Prosatexte und Dramen schon im Korrektorat? Jetzt denk doch mal dran, mir die Texte im .doc und nicht in .docx zu schicken! Wie weit ist die Grafik? Wie du aufspringst, wenn du eine Idee hast! Von deinen Gesten könnt ich mit geschlossenen Augen ein Bilderbuch malen. Kannst du nicht mal wen anders unterbrechen? Dieses Jahr haben wir Chancen auf eine Pause. Eine Auszeit im Sommer. Der von uns allen verinnerlichte Sensor, wann eine Phase intensiver Konzentration in Lachkrämpfe und grundloses Blödeln kippt – meist gegen 16 Uhr.

Synthesizer:

Ich bin nicht Fleisch, nicht Fisch – igitt. Nichts Reines, Ursprüngliches. Nicht schwarz, nicht weiß. Bin beides und dazwischen. Synthetisch. These, Antithese – Synthese? Klappt nicht immer:

Die Verwertung von Literatur – igitt.
Aber leben wollen als Schriftsteller_in!

Können wir noch träumen, anders als so egoistisch, wie wir den Schlaraffenlandbegriff kennen? Und soll man sich denn freuen, wo der

Kapitalismus alternativlos ist und die Tonangeber rechts stehen? Sich in kleinen, sicheren Orten wiegen, sagen: „Hier ist‘s schön“? Sich selbst lobhudeln? Nein: Demut! Mal linke, oft weibliche… Dummerweise gehe ich mit hängenden Schultern langfristig nirgends hin, außer schnurstracks zur Einzeltherapie.

Kunst: nicht Fleisch, nicht Fisch, der Marktwert für politische Kunst steigt, dabei heißt politisch oft das banale Nebeneinander von Standpunkten, technokratisches Abbilden. Und doch trägt Kunst den Funken in sich, anderes zu ersehnen, zu denken. Sie ist nicht zu fassen. Darum kann sie nichts, ohne gesellschaftliche Bewegung. Darum kann sie alles, sie inspiriert.

Der Zweifel bin ich, vertrackt und kantig,

Schlagzeug:

Es reicht uns. Wenn wir das sagen, sind wir nicht selbstgenügsam. Wir können uns nicht genügen, denn ‚Wir‘ ist keine feste Größe, sondern Bewegung (nicht nur eine): Wir tanzen, wir schreiben, wir gehen, wir denken und manchmal fahren wir auch Longboard, dabei wackeln wir und lachen (wer sagt, dass es immer schnell und gerade sein muss?). Wir vergnügen uns und arbeiten viel (in diesem Heft stecken Tage, kalte und warme, sonnige und verregnete, leichtere und schwerere). Wir begnügen uns nicht damit, die Stunden zu zählen (wer will schon arbeiten, schreiben und sprechen, ohne dabei auch zu leben?), wir teilen sie lieber.

ich mache alles kompliziert.

Doch es ist nicht post-moderne Begriffsakrobatik, wenn ich plärre: Ich, die beinharte Widersprüchlichkeit, die

Gitarre:

Wir sind nicht darauf reduziert, gegen etwas zu arbeiten. Als Gitarristin bin ich nicht der bessere oder schlechtere Gitarrist. Sondern wütend über so wenig Entscheidungsspielraum. Damit kann ich arbeiten.

gefürchtete und geschasste Dialektik, die mit den langen Sätzen, ich – kann auch Pathos. Wenn Freude und Kritik zusammenkommen, dann muss das quietschen, jaulen und ächzen. Vor Überzeugung. Überzeugung, dass man es

sich eben nicht leicht machen kann.

Im Bewusstsein des Falschen immerhin etwas versuchen, statt ausschließlich zu negieren. Weitermachen.

Schlagzeug:

Es reicht jetzt. (Wer fragt da: Jetzt schon?) Nicht alles ist gescheitert und nicht alles ist gut. Weder noch. Manches ist gescheitert und manches ist gut. Etwa Gelingendes muss / kann / darf nicht allumfassend sein (wo alles gut sein soll, ist die Hölle nicht weit). Auch Gelingen ist Bewegung: Suchen, Schwanken, Tasten, Entscheiden, Widerrufen, Wiederholen, Jubeln, Zweifeln, Jubeln, Zweifeln, Jubeln… Zweifeln… (Wo nicht nur ein Wille ist, sind auch mehrere Wege.)

Backing Vocals:

Und der Blick über die Schulter: »So einen Zusammenhalt bei all der ausgelebten Fähigkeit zur Kritik hab ich noch nie erlebt. Es bebt! Wenn ich euch nicht kennengelernt hätte! Fahrradkette!« und das jetzt einfach wirklich mal ernst meinen und sagen wollen und sich freuen. Naiv im besten Sinne, also Zuversicht. Deswegen, neinneinnein, nicht deswegen, überhaupt & sowieso: »Kann ich dann später wieder mitmachen? Mitmachen! Habt ihr mich dann noch lieb? Wie den Vertrieb! Ich muss jetzt halt nur kurz mein Selbstverwirklichungs-Traum-Dingsda versuchen, ja? Ja! Versteht ihr doch, oder? Oder?«

turn-around     turn-around

turn-around

turn-around

turn-around…

Klavier:

Während wir die Lyrik in Wien gemeinsam lektorieren, vor den Kritischen Literaturtagen und vor Ibiza, beobachte ich unsere Redaktion und bleibe bei Olivia hängen, kehre gedanklich zu unserem ersten Gespräch über die PS zurück, an den Punkt der Sehnsucht nach einem anderen Netzwerk, nach einer anderen Sprache für und über Literatur, nach einer Art der Zusammenarbeit, in der wir gemeinsam siegen und scheitern und weitermachen und merke:

Klavier:

Die Sehnsucht ist geblieben. Nur wiegt sie weniger schwer. Sie hat der Wirklichkeit Platz gemacht.

 

 

 

 

für Inspirationen danken wir:

Audre Lorde, Monika Rinck, Bonnie Tyler