PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Aus dem Stück: Welt der Taumler

von Fanny Sorgo

drittes Fünftel

UM MICH HERUM: SCHLACHTEN

Melanie

Ich gehe durch den Wald,
da komme ich zu diesem Schlachtfeld,
die Baume liegen wie tote Krieger,
mit verschränkten Gliedmaßen über- und durcheinander und vegetieren gruppenweise,
der Duft der Verwesung ist der erdige Waldgeruch

Seht die zwei Wolfe!
Er leckt ihn bis zum wund sein,
er liebt ihn, leckt ihn, bis er nichts ist
als diese offengelegte Wunde,
ich hab dich lieb
ich hab dich lieb

Da komme ich in diesen Raum,
den man Zuhause nennt,
die Butter ist ein Schlachtfeld,
man kann nicht mehr sagen wo, wie, was,
und ich esse nur das Brot,
es ist trocken,
in anderen Raumen macht der Rausch so satt

Melanie
Ich bin dir heillos verfallen.
Und du willst es vielleicht hören,
und ich glaube aber nicht,
ich will nur, dass du weißt:
Ich bin dir heillos verfallen.

Er zerreißt sie.
Er zerreißt ihr ihre Haute und die Häutchen,
und sie schreit,
er stößt immer weiter,
man hört von ihm nichts:

Du großer Nackter, Braungebrannter,
warum höre ich von dir nichts,
obwohl du so fest und eifrig dabei bist,
du bist viel zu groß für mich,
in mir schreit es, aus mir stöhnt es,
und das alles ist für dich,
für dich.

Dann ist’s aus.
Es lässt sein Schwert das Schlachtfeld in ihr:
Ruhe in Frieden,
und sie rennt.
Da rinnt es schon die Schenkel entlang,
eine brennende Flüssigkeit,
rotes Feuer, weißes wie Schnee,
sie drückt sich die Hand drauf:
Setz dich hin,
lässt es rinnen,
winselt,
es brennt, warum zischt es nicht,
wischt sich das Desaster ab mit Papier, das zu spröde ist für solche Wunden,
nein, Papier hat mit solchen Wunden nichts zu tun.

Melanie

Meine Vagina, ein Schlachtfeld.
Ohne selbst gekämpft zu haben liegt sie mir zerstochen in den Schenkeln,
die, die in ihr gekämpft haben, in deren Mündern liegt meine nervöse Zunge,
die, die in ihr gekämpft haben,
lieben sie mich

Um mich herum Schlachten.
Man weiß nicht um was, man sieht nur mit wem,
und hauptsachlich wird mit sich selbst gerungen,
und sich selbst zu Boden,
und dass es wohl dasselbe ist,
hinaus zu stechen oder in sich hinein:
in sich hinaus zu stechen

Melanie
Können wir uns mal kurz aufeinander ausruhen? Ich bin so müde von all dem, und du bist so
erschöpft, können wir mal kurz auf einen Berg hochsteigen und uns aufeinanderlegen und die
Herzschläge langsam aufeinander abstimmen,
BOUM BOUM BOUM?

viertes Fünftel
DIE GROSSE ZWILLINGSSUCHE 2
Straßenszenen

1
Melanie (geht stampfend eine Allee entlang, im Takt ihrer Schritte singt sie immer lauter)
Ach, ich liebe sie so, die Welt,
so dass ich ihr ganz verbunden bin,
aber sie bindet mich mitnichten,
und daher kommt all die Angst.

Ach, ich liebe sie so, die Welt,
so dass ich ihr ganz verbunden bin,
aber sie bindet mich mitnichten,
und daher kommt all der Schmerz.

Ach, ich liebe sie so, die Welt,
so dass ich ihr ganz verbunden bin,
aber sie bindet mich mitnichten,
und darum sehn ich mich so.

ACH, ICH LIEBE SIE SO, DIE WELT,
SO DASS ICH IHR GANZ VERBUNDEN BIN,
ABER SIE BINDET MICH MITNICHTEN,
UND DARUM SEHN ICH MICH SOOOOOOOO

2
Melanie
Ich gehe auf der Straße dahin, wenn ich mich umblicke, blutet es.
Es blutet dort aus den Bäumen, aus den Bächen,
rauschende Bäche Blut fallen aus den Bergen,
Schweißperlen aus Blut an den Hochhäusern der Städte,
der Zug zieht dickflüssige Blutspuren hinter sich her,
wenn ich aufstehe, ein schmatzendes Geräusch von dem Blutgatsch unter meinem Hosenboden,
als würde alles zerfließen, als würden wir alle zerfließen.
Meine Prognose für heute:
Es blutet. Ganz schön stark und noch für lange.

Und schaut mal!
Der Weg vor dem Straßenfeger ist gepflastert von ihm selbst,
er liegt zerstückelt sich selbst im Weg,
er liegt zerstückelt dar und beschreitet verstümmelt sich selbst!

Und schaut mal!
Dort schiebt sich ein Schneeschaufler vor sich her,
schiebt sich und rollt sich,
die Rolle wird dicker und schwerer,
der Schneeschaufler sagt:

Schneeschaufler
Schaut mal!
In mir schneit es, es ist tiefer Winter.
Ich schiebe mich vor mir her, immer gerade genug Platz zum Atmen.
Mein Wetterbericht: Schnee! Und noch für lange.

3

Melanie
Ich komme unter einem Baum an,
aus dem hängt eine Schlange,
die schaut in meine Augen
und sagt dann zu mir:

Psssst, ich habe Stoff für alle Welten der Welt, in welche willst du?

Ich sage:
Das ist schön, aber die einzige Welt, nach der ich mich sehne, ist meine Kindheit, und für
die gibt es keinen Stoff.

Da lächelt sie und stimmt ein leises Lied an,
sie singt:

Then dream baby dream,
dream baby dream,
and dreeeeeeeeeeeam on,
just dreeeeeeeeeeeam on …

4

Melanie
Ich gehe durch die Straßen, es ist nachts,
in den Schaufenstern brennen die Lampen die Dunkelheit ins Jenseits.
Da komme ich an dieser Tür vorbei,
Zum äschernen Phönix heißt es,
es vibriert im Takt des Beats:

BOUM BOUM BOUM

Willkommen in meinem House und Herzschlag!

ruft es

Und dass es auch deiner ist!

und ich gehe hinein.

Drinnen:

Eine alte Frau
Ich bin zwar schon alt, aber ich lebe noch!
Nur weil ich alt bin, heißt das nicht, dass ich nicht mehr lebe!
Wirklich,
ich weiß, ich bin alt, aber ich bin doch trotzdem noch da!
Warum soll ich schon tot sein, nur weil ich alt bin?
Hier schlägt sowieso ein allgemeines Herz.
Hier könnte ich sterben, aber der gemeinsame Herzschlag durchdränge mich immer noch.

Melanie
BOUM BOUM BOUM

Die alte Frau
Niemand könnte mich für tot erklären,
es würde immer noch der allgemeine Puls durch mich durch vibrieren, der Heart-Beat
(sie sagt im Takt des Beats)
NEIN NEIN NEIN ICH BIN NICHT TOT

Die andren, die da auch vibrieren (sagen im Takt des Beats)
NEIN NEIN NEIN SIE IST NICHT TOT

Die alte Frau
Man müsste mich erst aus dem Club hier hinaus und weit weg schleifen,
dann könnte man auf mein privates Herz lauschen und feststellen,
dass es nicht mehr schlägt.
Ich bin unsterblich, solang ich hier drin bleibe,
BOUM BOUM BOUM
Habt ihr das jetzt endlich verstanden?
Ich bin nicht tot, nur weil ich schon alt bin!

5

Melanie
Ich gehe auf der Straße dahin,
der helllichte Tag ist angebrochen,
aus dem Fenster da oben hängt ein Mädchen:
Bleib bitte hier! Du!
Bist du wirklich so einsaaaaam?

Das Mädchen weint und tropft auf mich, die ich unter ihr stehe und bergaufwärts schaue:

Du tröstest mich, weißt du das, wenn du mich beweinst!
Ich nämlich auch, ich bin auch verloren, ich bin auch so einsaaaaam!
Dann sag ich ihr:
Aber stell dir vor, die Welt würde, statt zu regnen, nur noch bluten.
Das wäre so schön, wenn das Meer langsam rot würde und so der Sonnenuntergang auch noch röter
würde und somit alles noch röter würde. Und die Luft würde eisenschwer, alle merken, es riecht
zunehmend nach Eisen, man weiß nicht mehr, ob man es selbst ist oder die Welt oder woher all das
Blut kommt, aber man fühlte sich nicht mehr einsam! In keinem Schmerz der Welt! Weil sie immer schon mit einem mit blutete, die Welt!

Das Mädchen schluchzt und lässt los,
fallt natürlich auf mich drauf
BOUM

fünftes Fünftel
NIEMAND WEISS

Melanie (seufzt)
Da liegt es, das Chamäleon-Mädchen, am Abend auf ihrem Bett und seufzt:

Ich schimmel schon!
Ich schimmel schon!
Ich wünschte, mein Schimmel wäre weich, so wie der Flaum von kleinen Eulen …
Ich wünschte, man würde meinen Schimmel fressen wollen, so wie den von Roquefort

(kleine Stille)

Melanie (seufzt abermals)
Ach ja,
da versickert sie Abend für Abend immer weiter in ihrer weiten Matratze,
wenn sie ihren Zeigefinger hebt, ein schmatzenden Geräusch von dem Moder unter ihrem Arm,
und während sie langsam schwindet, denkt sie sich immer wieder:

(sie hebt schmatzend den Zeigefinger in die Luft)

Niemand weiß!
Dass jedes vorbeifahrende Auto mir die Strahlen des Sonnenuntergangs ins Gesicht wirft!
Niemand weiß!
Dass die vorbeifahrenden Autos mir immer wieder mein ganzes Gesicht erleuchten!

Sie lächelt vorsichtig und summt dann noch einmal ihr Lied:

Ach, ich liebe sie so, die Welt,
so dass ich ihr ganz verbunden bin,
aber sie bindet mich mitnichten,
und darum sehn ich mich so
hm hm hm hm

Lektorat: Yael Inokai

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