PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Aufsichtsprüfung

Elena Messner
Es müsse im Zuge eines „Frisierens“, wenn eine Bilanz gefälscht oder eine sprachliche Äußerung manipuliert würde, für das „Kapital“ und ebenso die „Sprache“ gelten, dass beide nicht von böswilligen Subjekten durch deren manipulierende Gesetze missbraucht würden. Die Vortragende zitierte: „Diskurs“ sei nicht nur das, was die Kämpfe oder die Systeme der Beherrschung in „Sprache“ übersetze. Diskurs sei dasjenige, worum und womit man kämpfe. Dies müsse nun, so wiederholte sie ihren Gedanken, umgelegt werden auf das Kapital und die zu frisierenden Bilanzen.

Die Vortragende, eine – was nun: hagere? schlanke? sportliche? nein, sportlich eher nicht, oder wenn, dann nur in eingeschränktem Maße – sagen wir: eine ziemlich lange Frau, holte zu ihrem ersten Gedanken aus, den sie sich öffentlich über das, was manchen als „Frisieren“ bekannt war, machen wollte. Ihr Vortrag hatte einen wundervoll pompösen Titel. Sie begann mit einem diskurstheoretischen Ansatz und schlug vor, diesen gut im Hinterkopf zu behalten, ihn aber nicht zu ernst zu nehmen, denn er sei stellenweise durchaus wirklichkeitsfern. Sie sprach auf eine Weise, die vermuten ließ, dass sie sonst eher mürrisch, sozusagen „mundfaul“ war. Sie sagte, die „Sprache“ wäre, genau wie das „Kapital“, kein Instrument, das unbeschränkte Freiheit des Ausdrucks und unbeschränkte steigende Gewinne gewähre und bloß durch autoritäre, böswillige Subjekte beziehungsweise Gesetze beeinträchtigt würde. Sondern, so betonte sie, die „Sprache“ wäre selbst die große Zensorin; und das „Kapital“ dementsprechend der große Zensor.

Die komparativ forschende Finanzexpertin hatte sich mit ihren Vorträgen bereits einigermaßen ins Gerede gebracht, obschon sie eben eher „mundfaul“ war. Bei dem von ihr analysierten Thema schien es sich aber um eines zu handeln, das sie mit Leidenschaft verfolgte. Sie trug entsprechend vor: in rasch aufeinander folgenden, klar verständlichen Sätzen, obwohl murmelnd und wie zu sich selbst. Sie richtete ihre Worte an das sehr breite Publikum, das in der Österreichischen Nationalbibliothek einige Monate nach Beginn der Prozessaufnahme zusammengekommen war, um von dieser Wirtschaftsgelehrten und Literaturexpertin die erhofften Antworten auf einige Finanzskandale zu erhalten. Sie musste viel mit dem Fahrrad unterwegs sein – solch einer beeindruckenden Hagerkeit erfreute man sich in dem Alter auch mit besten Genen nicht einfach so. Eine Woche zuvor hatte sie einen nahezu identischen Vortrag in der Österreichischen Nationalbank gehalten. Heute würde sie nur geringfügige Änderungen einbauen. Das Publikum hier: weniger Klassik als Jazz und Rock, das sah sie auf den ersten Blick.

Es müsse im Zuge eines „Frisierens“, wenn eine Bilanz gefälscht oder eine sprachliche Äußerung manipuliert würde, für das „Kapital“ und ebenso die „Sprache“ gelten, dass beide nicht von böswilligen Subjekten durch deren manipulierende Gesetze missbraucht würden. Die Vortragende zitierte: „Diskurs“ sei nicht nur das, was die Kämpfe oder die Systeme der Beherrschung in „Sprache“ übersetze. Diskurs sei dasjenige, worum und womit man kämpfe. Dies müsse nun, so wiederholte sie ihren Gedanken, umgelegt werden auf das Kapital und die zu frisierenden Bilanzen. Die Person, die im Aufsichtsrat der „Kapitalgesellschaft“ gewesen sei und die „frisiert“ habe, sei gerade nicht die in der „Kapitalgesellschaft“ gebündelte Macht. Nein. Vielmehr sei es so, dass eben das „Kapital“ diese Person „frisiert“ und zurechtgestutzt habe, und dass – entgegen der allgemeinen Auffassung – das „Kapital“ nicht nur das Geldmittel sei, mit dem Macht sich selbst ins Manifeste übersetze. Sondern es sei das „Kapital“ selbst die Macht. Dieser Mächte (des „Kapitals“, des „Diskurses“) habe man sich zu bemächtigen, wenn man die Bilanzmanipulation als zentralen Machtmechanismus unserer Finanzgesellschaft verstehen wolle.

Der Gedanke der Vortragenden sprang unerwartet zu einem psychoanalytischen Ansatz. Dieser Ansatz helfe, so ihre vorsichtig formulierte Annahme, die bereits angesprochenen Dinge als verwandte Mechanismen zu erklären. Denn es handle sich bei der Zensur wie beim „Frisieren“ von Bilanzen um Mechanismen der Verschlüsselung, der Verschiebung, der Umformulierung, auch: der Verdrängung. Beziehungsweise sei es das „Auftauchen des Verdrängten“ und nicht die Verdrängung selbst, die hier zum Ausdruck komme. Die Umformulierung der Bilanzposten: Das Einstellen fiktiver Beträge oder umgekehrt deren Weglassen seien als Stilmittel der Finanzskandalerzählungen zu erkennen, die willkürlichen Über- und Unterbewertungen ebendieser Beträge, die sich in Verschlüsselungsstrategien niederschlügen, die Verschiebungsmechanismen, die nicht mit der grundsätzlich üblichen Verschiebung großer Geldeinlagen auf andere Konten vergleichbar seien. Diese Art der Verschiebung sei nämlich vielmehr ein verschleierter, nicht regulierter „Kapitalfluss“ – dabei aber ein fiktionaler.

Die erzählerische Form der Blase, dieser erzählerische Rahmen böte sich an, um die Mechanismen der Bilanzmanipulation darzustellen. Diese Blase: Eine sich lange ausdehnende, dünne Haut (der Rahmen), die luftleeren Raum umhülle (die fehlende Handlung), und die im Grunde, wenn sie platzte, aus dem Nichts, das sie umhüllte, in eben dieses Nichts übergehen müsste. Sie verwandle sich aber erstaunlicherweise nach dem Platzen in etwas anderes als in nichts: nämlich in unglaubliche Verluste. Die Blase sei eben mehr als nur das Nichts, das sie umhülle. In der Nationalbank war diese Aussage ein Hit gewesen. Einer aus der letzten Reihe hatte ihr in die lauten Buhrufe hinein zugerufen: „Gehen Sie scheißen mit Ihrer Blase!“, was die Vortragende zu einem belehrenden Kommentar über die menschliche Anatomie verleitet hatte.

Ihr Unterarm lag halb in der Luft, die Hand winkte plötzlich ab, das Publikum hier reagierte überhaupt nicht. Es gehe ihr heute nicht um die Frage der narrativen Rahmung von Erzählungen, auch nicht solcher über Finanzblasen. Ihre Finger: kurz in alle Richtungen gespreizt, dann wie zur Entwarnung wieder gelockert. Es gehe ihr vielmehr um sprachbezogene, oder im weitesten Sinne narratologische Fragen. Sie werde heute über Geld nur im Zusammenhang mit Kultur und über Kultur nur im Zusammenhang mit Geld sprechen. Das eine habe schließlich das andere hervorgebracht. Das Bindeglied zwischen den beiden, so ihre These, sei die Zensur, insbesondere, wenn es um Krisensituationen gehe. Denn das „Frisieren“ – die Verschiebung und Abänderung von Finanzposten – zeige sich besonders deutlich dem selbstzensierenden Umformulieren verwandt, wenn man den Akt des Abschreibens betrachte. Während bei Studienprüfungen etwa das Abschreiben als verboten gelte und daher gesetzlich verankerte Prüfungsaufsichten organisiert werden müssten, um Studierende davon abzuhalten, sei das Abschreiben von Millionenverlusten nicht per se strafbar.

Dennoch aber müsse beim Abschreiben von Millionen korrekt vorgegangen werden. Nur, wenn nicht korrekt abgeschrieben wurde, zeige sich die (absichtlich vorgenommene?) fälschliche Korrektur als „verspätetes Auftauchen des Verdrängten“ und richte mit einer gewissen Verspätung genau das an, was das Abschreiben vermeiden hätte sollen: irreparable Schäden. Deswegen habe man für Banken Aufsichtsprüfungen eingeführt. Über deren Effizienz könne sie aber keine genaue Auskunft geben, denn die sei schwer belegbar. Allerdings: Die Aufsichtsmechanismen versagten regelmäßig.

Abrupt sah die Vortragende von ihrem Vortragsskriptum auf, neigte den Kopf, schwieg einen Moment lang, dann noch einen weiteren. Sie sah seitlich zu Boden, fügte nach der etwas zu langen Pause mit einem Schmunzeln (War es wirklich ein Schmunzeln oder war der Ausdruck schon zu stark? Jedenfalls ein sehr kurzes Verziehen der Lippen) dem Vorgetragenen einen leisen Beisatz hinzu, nämlich, dass man im Übrigen Ähnliches über die Effizienz universitärer Prüfungsaufsichten sagen könne. Nach dem kurzen Seitenblick, einer Pause und einem – sehr ernsthaften – Räuspern, das vielen im Raum unerklärlich bleiben würde, blickte die Vortragende wieder auf ihr Skriptum zurück. Sie blieb noch einige Sekunden wie versteinert in dieser Position – lernte sie ihren Text auswendig, übte sie die nächsten Sätze besonders gut ein? Einen kurzen Blick ins Publikum später wieder dieses Fast-Schmunzeln. Skepsis, vielleicht? Anhand ausbleibender Reaktionen?

Dann ihre abrupte Ankündigung, nach diesen Überlegungen sei es an der Zeit, auf den „Boden der Tatsachen“ zurückzukommen. Unruhe kam im Publikum auf, verspätetes Lachen, immer lauter, vereinzelt sogar ein Klatschen. Die Vortragende war berühmt für Scherze, die sie mit Seitenblicken in die eine oder andere Richtung, mit Blinzeln, oder manchmal mit gänzlich emotionslosem Gesicht machte, Scherze, die vielleicht nur trockene Kommentare waren, die aber so ernsthaft angebracht wurden, dass sie wie Vortäuschungen wirkten. Es gab keine äußeren Anzeichen, keine schweren Betonungen oder eine auffällige Mimik, die verraten hätten, wie ernst eine Aussage zu nehmen war. Wie viele zufällige, gänzlich unerwartete Anstöße würden vielleicht ihre stoisch vorgetragenen Worte Einzelnen im Publikum geben? Einige würden sicherlich darunter sein. Und selbst wenn nicht – das Leben dieser Einzelnen würde schon irgendeine Richtung einschlagen, auch ohne ihre Anstöße.

Im Folgenden bildete sich aus dem Vorgetragenen die erste Andeutung eines analytischen Untergrundes heraus. Sie war auf Erklärungen, nicht auf Verklärungen aus, sie schien auf die Analyse und nicht die ästhetische Verdichtung des Besprochenen hinauszuwollen. Vom Gedichteten, vom Spekulativen hin zum „Boden der Tatsachen“ – hin zu der, so nannte sie es, Gesellschaftsanalyse. Vom Herrschaftsinstrument war kurz die Rede, das zur Wahrung der Interessen der Elite und der Sicherung ihrer Position im Staat beziehungsweise zur Aufrechterhaltung des Funktionierens eines gesellschaftlichen Systems diene. Im Rechtsstaat genauso wie im Unrechtsstaat, betonte sie. Wobei die Gesetzmäßigkeit einer Äußerung und die Regeln der freien Marktwirtschaft sehr unterschiedlich bewertet würden. Die Rede war von Präventiv-, Prohibitiv- und Widerrufszensur, Überwachung beziehungsweise Verbot, dann von Androhung oder Ausübung von Gewalt. Zu den heutigen Risikokontrollmechanismen des Marktes sei zu sagen, dass sie in westlichen Gesellschaften ähnlich wie die literarische Zensur vor allem präventiv organisiert seien.

Dennoch hätten diese präventiven Mechanismen nicht in jedem Fall eine Insolvenz, eine Bankenpleite, verhindern können, da sie vorberechneterweise oft versagten. Genauso müsse manchmal der Staat auch heute noch in literarische Veröffentlichungen eingreifen, obschon in den meisten Fällen die Selbstzensur in der Gegenwart eine staatliche Zensur überflüssig mache. Die Vortragende stellte mit Bezug auf Freud die Beziehungen zwischen Vatermord, Monotheismus, dem Beginn der Zivilisation durch Triebverzicht und Vergeistigung her, Begriffe, die als geistig-seelische Bausubstanz einer politischen Erbsünde fungierten und die sie am Ende mit einer großen Geste – beide Hände in die Luft geworfen, beide Zeigefinger ausgestreckt – wieder verwarf. Es folgte die Erwähnung, dass der Prozess der „Zivilisierung“ wohl verallgemeinert zu bedeuten schien, dass Gewalt gegen „Aufmüpfige“ geringer werde. Dass zugleich Gebote hinsichtlich gesellschaftskonformem Verhalten mehr und mehr internalisiert, automatisiert werden. Beim Finanz- und Kapitalwesen sei das weniger spürbar, dies hänge aber stark von der Macht und dem Einfluss der etablierten Aufsichtsorgane ab, die je nach nationalem und globalem Kontext sehr unterschiedlich stark regulierend eingriffen. Der Grad der Zivilisierung einer Gesellschaft könne eben nicht eins zu eins auf deren Finanzwesen umgelegt werden. Darin liege eines der großen Geheimnisse der Gegenwart.

Man erlaube ihr einen kurzen Exkurs zur Unterscheidung zwischen formeller und informeller Zensur, darum bat sie, wieder zum nächsten Punkt springend. Letzteres: die Unterdrückung, Erschwerung von Äußerungen durch ökonomische, politische oder soziale Zwänge. Nicht zu verwechseln sei es mit dem Phänomen der Marktsteuerung, der Kanonisierung, der Propagierung und umgekehrt der Nicht-Propagierung bestimmter Inhalte in Zeiten der PR- und marketinggesteuerten Kommunikation. Nicken, ein heftiges, in der ersten Reihe, in der offensichtlich einige Jungliteraten und Mitarbeiterinnen kleinerer Literaturverlage saßen. Hinter ihnen andere Steuerzahlende und Sparende, die die Aufregung in der ersten Reihe nicht verstanden, vielleicht das wütende Flüstern nicht einmal hörten: Marktgeile Verleger und profitorientierte Buchhändler! Euch selbst den Arbeitsplatz sichernde Vertreter und Rezensenten! Ihr Bibliotheken mit vorhersehbaren Ankäufen! Bundesländerkulturbeamte, die ihr nach Geburtsorten und Wohnsitzen Prämien und Stipendien verteilt! Unterhaltungssendungen, die ihr keine Literaten einladet! Talentsucheprogramme und Quizshows, die ihr Euch für das historische Präsens von Goethe nicht interessiert! Und – ihr allergrößten Zensoren des Heute: Leser und Leserinnen, die aus Missfallen am Gelesenen die Lektüre abbrechen, um sie auf willhaben.at für ein paar Euro weiterzuverscherbeln, elende Literaturabbrecher! Geflüster, Gerutsche, Nicken, Stoßen in der ersten Stuhlreihe des Prunksaales der Nationalbibliothek, die kürzlich jenes Literaturmuseum eingerichtet hatte, das zu dem Vortrag über „Narratologie, Zensur und das österreichische Finanzwesen“ geladen hatte.

Ihr Vortrag von letzter Woche, den sie für das dreifache Honorar in der Nationalbank gehalten hatte, war bei einer Lesereise im Süden Österreichs aktualisiert worden: In Velden am Wörthersee war sie auf neue Quellen gestoßen, die sich nicht ignorieren ließen.

Sie fügte hinzu, während in der ersten Reihe im Prunksaal das Von-oben-nach-unten- und das Von-unten-nach-oben-Wackeln der Köpfe allmählich langsamer wurde: Vieles wäre noch zu sagen zum Zivilisationsprozess, sie beschränke sich jedoch auf folgende kurzen Überlegungen. Hätten der Kärntner Heimatdienst, der Kärntner Kameradschaftsbund, der Kärntner Abwehrkämpferbund und die Kärntner Landesregierung die landesweite Literaturlektüre ihrer Landesbevölkerung unterbunden oder zumindest eingeschränkt, wäre das im Gesamten wenig zivilisationshemmend gewesen, vielleicht sogar ganz frei von Konsequenzen, da die Literatur und die Literaturförderung dieses Landes kaum Einfluss auf andere Bundesländer hätten. Andererseits aber: Hätten diese heimattreuen Organisationen die Aktivitäten der früheren Hypothekenanstalt ihres Landes, hätten sie die unbeaufsichtigten „Kapitalflüsse“, die unregulierten Kreditvergaben, hätten sie die ungehemmte Spekulation oder überhaupt die Existenz der genannten Hypothekenanstalt verhindert oder zumindest eingeschränkt, dann hätte dies sehr wohl Konsequenzen gehabt für die gesamte Bundesrepublik: nämlich sehr positive. Dazu habe leider die Heimattreue nicht ausgereicht.

Wieder die Unsicherheit im Saal – war das Gesagte ernstzunehmen? So trocken, wie es gesagt worden war, schien es zugleich eine schwere Beleidigung, aber auch nicht unbedingt eine Einladung zum pausenlosen Kichern, wie es in den letzten Reihen zu vernehmen war. Vereinzeltes Lachen, ein immer größerer Teil des Publikums gab sich endlich einen Hauch intellektuellen Anstrichs.

Dieser kurze Exkurs, den sie mit Gedanken zur „Bevormundung“, dann solchen zur „Selbstzensur“ würzte, war dazu gedacht, das Weiternicken in der ersten Reihe endgültig zu beenden. Zwischen den beiden Dingen, die sie skizziert hatte, schien ein Bezug zu bestehen, den nicht einmal sie klar benennen konnte. Aber nun kehrte sie wieder zum Kern ihrer Untersuchung zurück, von der literarischen Zensur zur Zensur der Aufsichtsbehörden, hin zu der „Kapitalgesellschaft“, die ihr Land beziehungsweise ihre Gesellschaft in so hohem Maße zu schädigen drohte, dass in den letzten Jahren landesweit Erklärungsversuche dieser Ereignisse gestartet worden waren, an denen auch sie selbst aktiv beteiligt war.

Berühmt war sie mit ihrem Buch „Hundert literarische Zitate der fünfzig besten Schriftsteller aus der ganzen Welt und Österreich zur Finanzkrise“ geworden. Die Werbemittel für diesen Wälzer hatte ihr Verlag durch die Literaturförderung des österreichischen Ministeriums finanziert bekommen. Aber erst nach Hinzufügung von „und Österreich“ im Titel. Die Kulturförderung des Bundeslandes Kärnten, auf welche die Vortragende ihrer Herkunft nach Anspruch gehabt hätte, hatte sich auf mangelnde Mittel berufen, und zwar „aufgrund der hohen Landesverschuldung anlässlich von versprochenen Haftungen, die sich auf das Achtfache unseres Landesbudgets belaufen“.

Die Vortragende, von der alle im Raum hofften, dass sie eine präzise und komparative Analyse des Falles geben würde, fuhr fort, über die willentliche, systematische Verzerrung der Kommunikation von Regierungsseiten zu sprechen, die noch jetzt, fast ein Jahrzehnt nach den Vorfällen rund um die Hypothekenanstalt, zur auffälligen Verzerrung oder Verhinderung der Aufklärung der Vorgänge führte.

Hier wäre endlich etwas Wichtiges nachzutragen, und etwas ebenso Wichtiges vorauszusagen, kündigte sie an. Und sie habe nicht vor, dies in „gemäßigter“ Weise zu tun, wo doch die, über die zu sprechen sein werde, keineswegs „gemäßigt“ in ihren Absichten und ihren Handlungen gewesen waren. Wie gut. Endlich wurde es doch noch spannend.

 

 

 

Von Elena Messner

 

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Die Autorin ist in ungesundem Ausmaß interessiert an den Aktivitäten und Aussagen österreichischer Finanz- und Innenminister/-innen.

 

 

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