PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Ein Interview mit Michael Krüger

Auf der Leipziger Buchmesse 2015 sprach die PS-Redaktion mit Michael Krüger darüber, wie der deutsche Literaturbetrieb nach und nach von Frauen übernommen wird.

PS: Schokolade gibt’s auch, wollen Sie Schokolade?

 

Krüger: Nein, nein – danke.

 

PS: Ich hab Ihnen ja unser Projekt vorgestellt. PS – Anmerkungen zum Literaturbetrieb/ Politisch Schreiben. Unsere erste Ausgabe wird sich um die Begriffe Konkurrenz und Kanon drehen und genau dazu wollen wir Sie auch befragen. Weil Sie schon lang im Literaturbetrieb sind und viel Erfahrung haben, wovon wir gerne profitieren …

 

Krüger: Naja …

 

PS: Wollen wir mal anfangen mit der Frage, was Sie denken, wie sich der Konkurrenzkapitalismus im 20./ 21. Jahrhundert auf Literaturschaffende und ihre Beziehungen untereinander auswirkt. Was sind Ihre Beobachtungen?

 

Krüger: Das ist natürlich ein weites Feld.

 

PS: Ja.

 

Krüger: Weil das von so vielen Faktoren abhängig ist, die alle in irgendeiner Weise zusammenwirken. Faktor Eins ist die Fantasie der Autoren oder die Fähigkeit, etwas zu schaffen. Sind das Fantasien, die überhaupt noch kompatibel sind? Sind das Fantasien für größere Menschenmengen, das heißt für große Auflagen? Oder sind das Fantasien, die heute nur wenige Menschen interessieren, sodass sich also der Buchmarkt – was immer das ist – fragmentiert? Gibt es noch so etwas wie Verbindlichkeit in der Literatur, im literarischen Leben, oder ist alles nach den Gesichtspunkten des Marktes ausgerichtet?!

 

PS: Da gehen Sie jetzt ja auf das ‚Werk‘ ein?

 

Krüger: Nein, nein, ich sage ja, das ist das Erste. Das Zweite sind natürlich die Produktionsverhältnisse. Das heißt: die Verlage. Nach wie vor sieht man ja, gerade hier auf Buchmessen, dass unendlich viel publiziert wird und man sieht aber auch – und das sehe ich jetzt gerade als Juror für das beste ausländische Buch vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin organisiert, ich habe 160 Romane gelesen in den letzten vier Wochen –, dass neunzig Prozent dieser Romane drei Wochen nach Erscheinen wieder verschwunden sein werden. Das ist so. Man weiß Gott sei Dank nicht, welche zehn Prozent eine Chance haben. Denn es gibt ein bestimmtes Niveau des Schreibens, das es möglich macht, solche Manuskripte zu drucken, aber es fehlt an genügend Lesern, die das Niveau auch haben. Ein Austausch findet nur selten statt. Da kommen wir zum Dritten: nämlich der Buchhandel. Ich will nur sagen …

 

PS: Ja.

 

Krüger: Die Produktion von Literatur ist streng genommen eine sehr billige. Man braucht eine Schreibmaschine oder einen Bleistift und man braucht Konzentration. In reichen kapitalistischen Ländern gibt es natürlich unendlich viele Fördermittel, die es vielen ermöglichen zu schreiben, vom Stadtschreiber über Stipendien bis zu Preisen und so weiter. Aber ob diese Produktion dann auch eine Bedeutung dadurch erhält, dass viele Leute sie lesen, das ist eben eine Frage, die für die Zukunft noch nicht beantwortet ist.

 

PS: Mhm.

 

Krüger: Für mich selber versuche ich das Phänomen immer anhand der Gedichtproduktion zu klären. Das ist eine literarische Produktion, die sehr wenige Menschen interessiert. Gleichzeitig erscheinen jedes Jahr Hunderte von Gedichtbänden – die sind schmal, die sind nicht so teuer in der Produktion –, und die werden mit vielen Preisen ausgezeichnet, sodass doch immer mehr Leute ganz offensichtlich auch animiert werden, diese Dinge zu schreiben. Ob das eine gesellschaftliche Bedeutung hat, weiß ich nicht. Die Frage ist nämlich nicht mehr die der Produktionsmittel, denn viele sagen: ‚Ja, wenn das nicht mehr im Laden ist, dann können wir das heute über Kleindrucker in drei Tagen produzieren. Kein Mensch kann uns hindern. Und wir werden das über Internet verbreiten und über sonstwelche Kanäle.‘

 

PS: Wir sind ja tatsächlich mehr interessiert, auch in unserer Zeitschrift, als Schreibende in diesem Betrieb für Schreibende, und Sie haben es bereits angesprochen, das Thema Preise und Juroren – das, finde ich, ist ein wichtiges Thema, und auch ein umstrittenes Thema. Bei vielen Ausschreibungen waren Sie schon Juror. Wie kommt das? Also, wie wird man Juror bei Literaturpreisen? Wie passiert das?

 

Krüger: Ja, das weiß ich auch nicht so richtig! Also ich bin jetzt Juror geworden im Haus der Kulturen der Welt, weil ich mich 45 Jahre lang für internationale Literatur interessiert habe und die auch verlegt habe und auf diese Weise vielleicht einen etwas anderen Blick auf die Produktion der verschiedenen Länder habe. Ich kann nicht von einem Bulgaren erwarten, dass er so schreibt wie Paul Auster. Oder ich kann nicht von einem Mann aus Aserbaidschan verlangen, dass er so schreibt wie Paulo Coelho – um irgendeinen Schmarrn zu sagen. Mit anderen Worten: Es ist eine Erfahrung, die man mir zugetraut hat, diese Literatur so halbwegs danach zu befragen, ob sie innerhalb der gesamten Weltproduktion, wie sie heute geschrieben und verlegt wird, eine Rolle spielt.

 

PS: Okay, also bei diesen – um da nochmal zu switchen – bei diesen Ausschreibungen ist es auffällig zu beobachten, dass im Literaturbetrieb, sowohl bei den Schreibenden, bei den Verlagen, als auch bei den Literaturpreisen, zum Beispiel auf internationaler Ebene beim Nobelpreis, ein relativ niedriger Frauenanteil bei den Siegerinnen zu beobachten ist. Wenn man es genau betrachtet, sind es meistens nicht mehr als zehn Prozent. Woran glauben Sie liegt das, heute noch?

 

Krüger: Das ist eine gute Frage. In Schweden wird der Preis von der Akademie vergeben, das sind sechzehn Mitglieder, davon sind glaube ich fünf Frauen – immerhin! Jüngere, also Katarina Frostenson und Gestandenere wie Agneta Pleijel. Die neue Vorsitzende ist eine Frau. Ob das gut ist für die Literatur, wird sich zeigen. Aber die sitzen in einer Gruppe von älteren Herren, die viel mehr einbringen. Ich habe den Eindruck, aber ihr könnt mich korrigieren, dass in der Literaturkritik heute viel mehr Frauen arbeiten als noch in meiner Jugend. Das hängt damit zusammen, dass Iris Radisch zum Beispiel in der ZEIT die Feuilletonchefin ist, dass eine Frau wie Kristina Maidt-Zinke zuerst in der ZEIT, und inzwischen in der Süddeutschen schreibt. Die Literaturchefin der FAZ ist eine Frau, Felicitas von Lovenberg. In der ZEIT gibt es viele und im Spiegel auch, Susanne Beyer und so weiter. Viele Frauen, die sich für Literatur interessieren! Während die Männer meiner Generation, die das jahrelang beherrscht haben – also Greiner, Raddatz, Reich-Ranicki, Volker Hage – nun langsam in den Ruhestand treten und doch sehr sehr viele Frauen in der Literatur mittlerweile an entscheidenden Positionen sitzen. In dieser Jury vom Haus der Kulturen in Berlin sitzen drei, insgesamt sind es sechs Leute – drei Frauen! Und das spielt eben doch eine Rolle in der …

 

PS: … in der Preisverleihung, bei der Auswahl?!

 

Krüger: Ja. Denn dann wird gefragt: Kann es sein, dass die Männerfraktion dieses und jenes nicht richtig gelesen hat, nicht richtig wahrgenommen hat? In seiner Bedeutung nicht richtig wahrgenommen hat? Müssen wir nochmal lesen?

 

PS: Wirklich?

 

Krüger: Jaja. Nun gut, das ist ein Prozess, der geht über fast ein Jahr und wir lesen 160 Romane, das ist der reine Irrsinn, da vergisst man leicht, ob man eine Frau gelesen hat oder einen Mann. Mit anderen Worten: Erstens glaube ich, dass durch Felicitas von Lovenberg bei der FAZ und durch Iris Radisch bei der ZEIT und durch Susanne Beyer beim Spiegel die Frauen an entscheidenden Hebeln sitzen. Auch in den Literaturhäusern! Zum Beispiel ist in Stuttgart der Florian Höllerer weggegangen und wurde durch eine Frau ersetzt. Ich glaube, dass das sicher alles zu langsam ist für Menschen, die sagen, das muss sofort sein – aber ich glaube, dass das ein Prozess ist, der vollkommen in diese Richtung geht.

 

PS: Was hielten Sie denn von einer Quotenregelung bei einer Veröffentlichung von Erstlingswerken? Wo es zum Beispiel Quoten geben würde für Frauen, für benachteiligte Gruppierungen? Was dann quasi so etwas wie eine Förderung wäre, zum Beispiel für deutschsprachige Autorinnen nichtdeutscher Muttersprache. Wenn das so gemanaged würde, wie es in vielen Wirtschaftsbereichen auch der Fall ist und auch in der Politik versucht wird und der Literaturbetrieb ist ja – wie der Name ja im Endeffekt sagt – auch ein Betrieb, also wenn es so eine Quotenregelung gäbe? Was denken Sie?

 

Krüger: Finde ich entsetzlich, weil dann würde man natürlich gar nicht mehr über Qualität reden.

 

PS: Okay.

 

Krüger: Auf der anderen Seite kann ich nur sagen, dass es für all diese Gruppen unendlich viele Förderungsmöglichkeiten gibt. Ich bin selber in der Jury für den Chamisso-Preis, also für Deutsch als Fremdsprecher. In den letzten Jahren, würde ich mal sagen, waren 60 Prozent der Preisträger nicht Männer. Gerade jetzt hat Olga Grjasnowa gewonnen, im letzten Jahr Dana Ranga, viele Türkinnen in den letzten Jahren, deren Namen mir jetzt nicht einfallen, weil ich noch nicht so lange dabei bin – das gibt’s. Selbstverständlich kann man auch sagen: Wir müssen eine Frauenquote einführen – aber das wäre dann eben keine literarische Förderung, sondern eine Anschubförderung, und ich würde aus der Jury austreten. Man kann alle Menschen dazu bringen, schreiben zu lernen, ob das aber Literatur wird, bleibt offen. Es gibt in Bremen zum Beispiel eine Literaturzeitschrift, die heißt ‚Das Nashorn‘.

 

PS: Mhm.

 

Krüger: Da bin ich das Ehren-Nashorn. Die wird von einer Schule herausgegeben, wo Behinderte und Nichtbehinderte zusammen lernen. Die machen eine Zeitschrift, dreimal im Jahr, mittlerweile gibt’s 100 Nummern, also 3000 Seiten, wo die gesamte Weltliteratur nur für diese Zeitschrift schreibt. Nashorn-Opern gibt es – unglaublich! Das heißt, es gibt sehr sehr viele Einzelinitiativen, die man nicht vergessen darf, wenn man sagt, wir müssen bestimmte Menschengruppen, von denen wir glauben, dass sie aus irgendwelchen Gründen nicht so gefördert werden, wie es ihrer eigentlichen Kreativität entspricht, helfen. Die gibt es.

 

PS: Aber da kommen wir wieder zurück zu dem, was Sie am Anfang auch gesagt haben über die Kurzlebigkeit von Literatur – und das bringt uns zu der Frage des Kanons. Schon seit Jahrzehnten gibt es Sparten wie Frauenliteratur, Minderheitenliteratur. Und warum es diese Sparten gibt, hat damit zu tun, dass sie nicht einfach in die ‚Literatur‘ fallen, sprich nicht in den Kanon fallen, sondern sie sind geförderte ‚Nebenerscheinungen‘ der ‚wahren Literaturszene‘. Dort wird der Kanon immer weiter geschaffen – und dieser Kanon, das müssen Sie zugeben …

 

Krüger: Nein, ich glaube da hast du vollkommen Unrecht.

 

PS: Okay?

 

Krüger: Ich glaube vielmehr, dass darüber nachgedacht werden soll, ob es eine allgemein verbindliche Vorstellung von literarischer Kreativität gibt.

 

PS: Mhm.

 

Krüger: Eine Kreativität, die man in irgendeiner Weise fördern soll, wie es die Gesellschaft tun müsste, um ihre Kreativität überhaupt unter Beweis zu stellen. Das heißt man muss schauen, in welchen Formen sich sowas ausdrücken könnte. Wenn man zu der Ansicht gelangt, dass die Literatur nach wie vor eine verbindliche Aussage über Gesellschaften macht, dann muss man sie fördern. Das wird getan, auf die verschiedensten Weisen. Ob das nun gerade durch eine Frauenquote verbessert werden kann, bezweifle ich stark. Aber wenn es eine begabte Frau gibt, die eine Förderung verdient, dann soll sie natürlich …

 

PS: Nein, die Förderung ist ja das eine. Aber wenn wir weitergehen, zurück zum Anfangsthema ‚Was wird wahrgenommen‘ …

 

Krüger: Aber hör mal …

 

PS: Jaja.

 

Krüger: Kein Mensch würde sagen Fritz J. Raddatz gehört in die ‚Schwulen-Literatur‘, nur weil der Mann schwul war. Mit Literatur ist das die eine Sache, und die andere Sache ist, sich auszudrücken. Und das Sich-Ausdrücken kann auf verschiedene Weisen passieren, ob das dann Literatur wird am Ende, das entscheidet …

 

PS: Genau. Wer entscheidet das?

 

Krüger: Erstmal natürlich die Literaturkritik, und zweitens natürlich die Leser. Und wenn du sagen würdest, Ingeborg Bachmann ist Frauenliteratur, dann mag das insofern stimmen, als wahrscheinlich der Anteil der Menschen, die ‚Malina‘ gelesen haben, mehr Frauen sind, aber trotzdem ist das für mich keine Frauenliteratur.

 

PS: Aber gibt’s das denn dann für Sie überhaupt?

 

Krüger: Nein.

 

PS: Eine Frauenliteratur?

 

Krüger: Nein, nein. Für mich gibt’s das gar nicht. Auf der Trivialliteratur-Ebene gibt’s das natürlich. So wie es früher den Arztroman gab oder den Adelsroman, in diesen Heftchen. Das gab’s immer, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen den Arztroman gerne gelesen hat. Das hängt damit zusammen, dass der Arzt in der Wahrnehmung …

 

PS: Jaja, klar.

 

Krüger: Ein Schriftstellerroman würde heute keinen Menschen interessieren.

 

PS: Wenn aber Ihre Antwort auf unsere Frage so zuversichtlich ist, im Sinne von: Es ist eine Tendenz zu erkennen, die Geschlechterfrage betreffend und was Minderheiten angeht, es gibt so viele Förderungen – Haben Sie denn vielleicht Kritikpunkte, die wir gerade nicht im Blick haben? Oder ist Ihr Gefühl, was die Literatur betrifft, so zuversichtlich?

 

Krüger: Ich muss wirklich offen sagen, dass ich der Meinung bin, dass es kein anderes Land auf der ganzen Welt gibt, wo so viel Literaturförderung stattfindet.

 

PS: Wie in Deutschland?!

 

Krüger: Ja. Das gibt es nirgendwo. Im Osten schon gar nicht. Vielleicht noch in Österreich, aber in Frankreich und Italien überhaupt nicht. Und das hat dazu geführt, dass wir mittlerweile eine so interessante Gegenwartsliteratur haben. Dass jedes Jahr irgendwie 100 interessante deutschsprachige Romane erscheinen; dass nach wie vor zwischen 30 und 40 sehr gute Gedichtbände erscheinen. Weil keiner in der Öffentlichkeit, der für 19,90 Euro so ein Buch kauft, sich vorstellen kann, wirklich vorstellen kann – das wäre ein Grund für eure Zeitung, das mal zu zeigen, dass die Produktion von Literatur Arbeit ist. Das weiß keiner. Die denken immer, das sind so Leute, die sitzen irgendwie rum und schreiben und dann kriegen sie auch noch einen Preis und dann kriegen sie noch das und jenes, das muss ja eigentlich ein herrlicher Beruf sein. Deswegen gibt’s auch so viele, die gerne schreiben wollen.

 

PS: Jaja …

 

Krüger: Ich glaube, die Darstellung der Schwierigkeiten ist eure Aufgabe. Ihr könnt jetzt Lesern zeigen und mit ihnen diskutieren, ob es überhaupt ein Bewusstsein dafür gibt, dass die Produktion von heute, wenn sie was taugt, nicht nur ein Halodri ist, mehr als das Ausdenken von mehr oder weniger originellen Geschichten. Sondern dass es ein verarbeitendes Bewusstsein gibt, das unter Tausenden von Einflüssen etwas sammelt, um es dann in einen Roman, ein Gedicht, einen Essay zu gießen. Aber was ist eigentlich die Arbeit eines Dichters? Was ist die Arbeit eines Romanciers? Gestern Abend habe ich einen getroffen: ‚Ich bin gerade dabei, die sechste Fassung meines Romans zu schreiben, ja, ich verzweifle‘, sagte er. Und wenn nachher das Ding erschienen ist, fragt kein Mensch, wie das entstanden ist. Kein Mensch.

Meines Erachtens geht es auch um die Arbeit des Lesers. Ich jedenfalls möchte wissen, was der Leser denkt, der zwölf deutliche Romane der Gegenwart gelesen hat. Was hat er davon, außer dass er die Zeit totgeschlagen hat?

 

PS: schmunzelt.

 

Krüger: Aber das Lesen, das Verstehen, Zeit verstehen, die Schrift einer Zeit verstehen und lesen können – das ist die eigentliche Arbeit, und wenn die in ihrer Bedeutung richtig dargestellt wird, dann wird sich auch das Verhältnis zur Literatur ändern. Und wenn sich dann herausstellen sollte, dass Frauen unter ihren Lebensbedingungen ein anderes Zeitbewusstsein kriegen als Männer, sei es, weil sie zum Beispiel die Kinder erziehen müssen, dann kann man auch sagen: Aha, wir müssen diese Arbeit erleichtern.

Aber nur vom Markt zu reden, halte ich für nicht so interessant. Über den Markt zu reden, wird dann interessant, wenn tatsächlich wie in Italien die Berlusconi-Gruppe nun auch den Rest der freien Verlage kaufen will. Oder wenn in Amerika Penguin und Random House zusammengehen und …

 

PS: … Monopole entstehen.

 

Krüger: … und Monopole entstehen und dadurch natürlich auch Steuerungsmöglichkeiten – welche Literatur wird gefördert und so weiter.

 

PS: Ja, klar.

 

Krüger: Das sind interessante Marktprozesse, die ganz unmittelbar mit der Entwicklung des Kapitalismus zu tun haben.

 

PS: Ja.

 

Krüger: Denn das ist eben Monopolbildung – quasi: Ich bin der Stärkste und ich möchte mich gegen all die anderen durchsetzen und besonders gegen die, die von Literatur mehr wollen als Unterhaltung.

 

PS: Und das hat dann natürlich auch Einfluss auf: Wer wird verlegt?

 

Krüger: Mit Sicherheit, klar. Das ist eine sehr wichtige Frage, die man diskutieren muss noch und nöcher, ob die Kartellgesetze wirklich ausreichen. In Italien offensichtlich nicht. In Amerika hat das Kartellamt die Elefantenehe zwischen Random House und Penguin zugelassen – meines Erachtens ein Skandal! Es ist der imperialistische Versuch, die ganze Welt mit einer bestimmten Produktion zu beglücken, das heißt zu verseuchen. Das sind alles sehr heikle Fragen des Kapitalismus, die jeder, der sich dafür interessiert, diskutieren muss. Aber die Frage von Kreativität, die wir jetzt diskutiert haben, ist eine andere. Wir haben eben über die Gesichter geredet, die auf der Buchmesse mit der totalen Langeweile durch die Reihen schleichen. Dieser Überdruss, und diese Freude, wenn sie draußen die Wurst essen, dass sie alle diese Bücher nicht lesen müssen. Da denk ich mir immer: Kein Mensch hat eine Vorstellung davon, wie Literatur entsteht und kein Interesse daran, es herauszufinden.

 

PS: Garantiert die wenigsten. Da kommen wir auch zu unserer letzten Frage: Was halten denn Sie von dieser Schreibschulendebatte?

 

Krüger: Ich halte die für ziemlich überflüssig, weil man ja sieht, dass aus diesen Schreibwerkstätten sehr viele gute Schriftsteller hervorgehen. Ich muss immer dazu sagen: Die Bedingung des Schreibens ist das Nicht-Schreiben. Denn die meisten Menschen haben irgendwann mal – sei es als Kind – das Bedürfnis, etwas aufzuschreiben. Durch die ganze Computerisierung ist das noch gesteigert worden. Jeder kann irgendwas produzieren. Aber um ein großes Werk, einen großen Roman zu schreiben, bedarf es anderer Dinge. Freiräume, ganz simpel gesagt. Und wenn dieser Freiraum durch Schreibwerkstätten ermöglicht wird, dann kann ich nur sagen: wunderbar. Eine Gesellschaft, die immer nur nach den Ergebnissen und Zwecken fragt, hat natürlich von Literatur nichts verstanden. Denn all diese Sachen kann man unter einem höheren Gesichtspunkt als eine mehr oder weniger sinnlose Sache sehen.

 

PS: Das Schreiben selber, oder das Lesen?

 

Krüger: Ja, ob jetzt 800 gute Gedichte im Jahr produziert werden oder nur 350 – auch 350 wären ja genug. Nur, eine Gesellschaft darf nicht in der Kreativitätsdebatte Kosten-Nutzen-Rechnungen anstellen. Dann gäb’s gar nichts mehr. Dann hätten wir die schöne alte Zeit der kommunistischen Spielregeln wieder: Wer hundert gute Seiten über den Herrscher schreibt, kriegt ein Stipendium, wer tausend schreibt, kriegt ein Haus und einen Chauffeur und wer dreitausend schreibt kriegt den Lenin-Orden oder den Stalin-Orden.

 

PS: Würden Sie die Literatur im Osten auf das runterbrechen?

 

Krüger: Na, es war doch zeitweise so – aber ich will nicht sagen, dass es da nicht auch andere gab. Nur hätte man – wir sitzen ja hier in der ehemaligen DDR – all diese jungen Leute anders gefördert, dann hätte der Staat anders ausgesehen.

 

PS: Wie meinen Sie das jetzt?

 

Krüger: Wenn man eine Vorstellung entwickelt hätte, was Kritik bedeutet und was Kreativität bedeutet, dann hätte man sie nicht unterdrücken müssen.

 

PS: Aber wie ist das heute mit der Vorstellung, was Kritik bedeuten kann?

 

Krüger: Na, vielleicht heute nicht, ich rede von damals.

 

PS: Okay.

 

Krüger: Ich sage nur, die Debatte im Politbüro über das Gedicht von Günter Kunert über Marx hat dazu geführt, dass Kunert irgendwann das Land verlassen hat. Weil er gedacht hat: Ein Staat, ein Politbüro, das dieses Gedicht gegen mich auslegt, ist nicht mein Land. Das hat dem Land natürlich mehr geschadet als viele andere Dinge, denn die gesamte westliche Presse war voll davon. Das ist mit Biermann und den Folgen ja nicht anders gewesen. Wenn der Staat dafür zuständig sein soll, wie der Kanon entsteht, dann ist es das Ende von allem, denn der Staat versteht nichts von Literatur, der reagiert nur auf Angriffe.

 

PS: Auf Angriffe?

 

Krüger: Natürlich, wenn er angegriffen wird, dann merkt er das. Und wenn jemand sagt, der Marxismus ist vielleicht doch nicht die letzte Ölung – und das verboten wird –, dann gibt’s keine Diskussion über den Marxismus. Es gab in der DDR keine Auseinandersetzung! Wenn Marx den Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt hat, dann die DDR den Marx ins Gefängnis. Das ist der Grund zum Beispiel, warum es in der DDR nicht einen einzigen Philosophen gab.

 

PS: War das so?

 

Krüger: Ja. Das war so. Der einzige, den man hatte, kam aus den Dreißiger Jahren. Das war Ernst Bloch, und der ist zum frühestmöglichen Zeitpunkt wieder ausgestiegen. Während dort, wo marxistische Theorien diskutiert wurden, wie zum Beispiel in Jugoslawien, da gab’s natürlich eine Fülle von interessanten Philosophen. Aus der DDR nicht einen einzigen. Das Politbüro hat entschieden, wer ein Philosoph ist. Also gab’s keine Philosophen.

 

PS: Okay. Das ist schon sehr viel Kritik am Osten. Finden Sie denn, wie es im Westen jetzt ist, das passt?

 

Krüger: Na, das hab ich nun weiß Gott nicht gesagt. Alles ist verbesserbar.

 

PS: Wie zum Beispiel?

 

Krüger: Ich meine vielleicht auch gar nicht verbesserbar, sondern veränderbar. Ich glaube wir haben alle noch überhaupt nicht begriffen, und ich schon gar nicht, was die Digitalisierung bedeutet. Ich glaube, dass sich große Teile der Philologie denken: Jetzt wo das ganze Zeug von den Merseburger Zaubersprüchen bis heute erhältlich ist, abrufbar ist, können wir die Philologie sein lassen. Kann ja jeder das Zeug runterladen und lesen und sich seine Meinung dazu bilden.

 

PS: Aber was wäre das Veränderbare? Was würden Sie sich wünschen, nach all diesen Jahren, die sie in diesem Betrieb verbracht haben?

 

Krüger: Was ich mir wünsche ist, dass man den kleinen Buchhandel stützt. Dass der kleine Buchhandel, um den uns alle beneidet haben, der dann plötzlich durch die großen Ketten ersetzt wurde, jetzt durch den Zerfall der großen Ketten wieder eine Chance erhält. Das hat die Frau Grütters ja vorgeschlagen, dass man jetzt auch Buchhandels-Preise vergibt. Buchhandlungen zu stützen, die sich besonders dafür einsetzen, Literatur zu verbreiten. Das habe ich schon seit Jahren gefordert. Ich habe auch immer gefordert, dass man einen nationalen Preis für Poesie ausschreibt. Wir sind das Volk der Dichter und Denker und es gibt große Preise für Romane, aber in Leipzig ist jetzt zum ersten Mal ein Dichter ausgezeichnet worden, zum ersten Mal. Das habe ich seit Jahren gefordert. Warum wird nie ein Gedichtband nominiert, der doch sicher genauso gut ist wie diese ganzen Romane? Jahrelang habe ich dafür gekämpft. Jetzt hat man sich zum ersten Mal für einen Dichter entschieden. Das hat aber lange gedauert. In Frankfurt gibt’s den Preis der Buchmesse – für das ‚beste deutsche Buch‘, whatever that means – und er gilt nur für Romane. Ich wollte immer, dass man einen Preis vergibt für Poesie.

 

PS: … und die Buchhandlungen?

 

Krüger: Buchhandlungen. Ich bin auch sehr für diese Literaturhäuser. Ich bin aber auch dafür, dass man die Arbeit dieser Literaturhäuser mal kritisiert. Das passiert nämlich nie. Man fragt sich am Ende eines Jahres nie: War das jetzt eigentlich ein gutes Jahr und wurden die Ideen umgesetzt? Oder es wird jemand gewählt, der es fünf Jahre macht und dann wird er wieder gewählt und macht’s dann zehn Jahre, aber es gibt nie eine Bewertung dieser Sache – genauso wie bei Literaturzeitschriften. Alles was gefördert wird, was die Gemeinschaft über Steuern bezahlt, sollte auch der Kritik standhalten. Da wird zu wenig diskutiert. Es läuft alles so und ist ja ganz gut, da machen wir dann immer weiter und wird schon irgendwie in Ordnung gehen, ja?! Während ich mir denke, eine wirkliche Kultur muss all ihre Ergebnisse stark und mit Argumenten verteidigen. Nur dann, wenn man etwas verteidigen kann, kann man auch mehr fordern – und in der Malerei ist es noch schlimmer. In der Malerei ist nur noch Markt.

 

PS: Oh, ich habe gedacht Sie wollten keine Schokolade. Sonst hätten wir sie sofort in die Mitte gestellt.

 

Krüger: Aber es war das letzte Stück und da dachte ich, wenn ich jetzt nicht zugreife, dann krieg ich’s gar nicht mehr …

 

PS: Unbedingt.

 

Krüger: Aber natürlich ist nicht jede Idee zur Mitbestimmung die beste. Ich war aber zum Beispiel immer dagegen, dass es Autoren-Räte in den Verlagen gibt. Es gab um ’68 rum eine Bewegung dafür, dass die Autoren in den Verlagen mitbestimmen können. Und ich weiß noch, da gab es eine große, öffentliche Diskussion mit Günter Grass, der sich dafür ausgesprochen hatte, weil damals viele Verlage verkauft wurden. So kam man unter das Dach eines anderen Verlages und war plötzlich in Zusammenhängen, die einem nicht mehr passten. Da man aber sein gesamtes Werk dort hatte, war es nicht so einfach zu sagen, ‚Ich gehe jetzt woanders hin‘. Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion, da waren Grass und Wagenbach dabei und die saßen da, und dann habe ich Grass gefragt: Was kostet denn eigentlich eine Tonne Papier? Was kostet die Stunde eines Setzers? Was kostet eine Anzeige in der ZEIT? Die Autoren wollen immer Anzeigen mit ihren Bildern sehen. Wisst ihr das? Wie wird, bei einer Auflage von 3000 Exemplaren, der Gewinn ausgerechnet? Auf alle diese Fragen gab es keine Antwort. Mitbestimmung hieß: Wir wollen über alles mitbestimmen, aber über die Konsequenzen wollen wir nicht mitbestimmen.

 

PS: Hm.

 

Krüger: Und deshalb war ich, was damals in linken Kreisen nicht besonders gerne gesehen wurde, sehr dagegen. Das wurde natürlich auch bei anderen diskutiert.

 

PS: Es gab aber doch bei Suhrkamp diese Abspaltung, wodurch sich der Verlag der Autoren gegründet hat.

 

Krüger: Ja, sicher. Ich will nicht sagen, dass es nicht auch kollektive Verlage gegeben hat, aber die wurden von Leuten geleitet, die – wie im Falle von Karlheinz Braun vom Verlag der Autoren – sehr wohl rechnen konnten.

 

PS: Das ist eine Gratwanderung zwischen Kreativität und Wirtschaft.

 

Krüger: Ja. Also diese zwei Sachen müsst ihr in der Zukunft in eurer Zeitschrift recherchieren. Was heißt eigentlich Kreativität in der Literatur? Was ist Arbeit? Denn als alte Linke muss man diese Frage beantworten können: Ist das eine Arbeit und wie ist sie zu bewerten? Und drittens – Was passiert mit dem Netz in unserer Gesellschaft?

 

PS: Womit?

 

Krüger: Mit dem Netz.

 

PS: Mhm.

 

Krüger: Das sind alles Fragen, die natürlich überhaupt nicht, in keiner Hinsicht, ob im Handel oder auf der Kreativitätsseite, gelöst sind. Wir sind einfach zehn Jahre hinterher, und zehn Jahre heißen heute: zwei Generationen. Also die ganze Merkel-Regierung hat das verschlafen. Sodass wir plötzlich von Suchmaschinen beherrscht werden, an denen wir überhaupt nicht ein Fitzelchen Anteil haben, und am Handel genausowenig. Der größte Handel wird von Leuten betrieben, die nicht mal Steuern zahlen, oder vier Prozent wie Amazon, und niemand regt sich darüber auf.

 

PS: Naja, es regen sich schon viele darüber auf.

 

Krüger: Ich finde, man muss einen Sternmarsch nach Berlin machen. Verstehst du? Jetzt wird über unsere Zukunft entschieden. Eure. Ich bin alt, aber über eure wird entschieden. Ich denke, da muss man Demonstrationen machen. Da gehen die Leute wegen drei Muslimen auf die Straße, in Dresden, Tag und Nacht. Ich hab eine Rede gehalten am 1. März im Theater, und habe auch gesagt, wenn man nach Pegida gehen würde, müssten jetzt hier im Theater – war voll – genau 700 Muslime sitzen, und 30 aus der Kirche ausgetretene Christen, und eigentlich müsste die halbe Rede in arabischer Sprache gehalten werden. Das ist überhaupt nicht so in Dresden.

 

PS: Ja.

 

Krüger: Was ich damit sagen will, ist nur: Die eigentliche Musik ist nicht der Islam, der ist eine schreckliche Begleitmusik, wohl wohl, und diese historischen Stätten, die alle jetzt zerstört werden von diesen Vollidioten. Ich wundere mich nicht, dass das nicht gestoppt werden kann. Aber! …

 

PS: Sie meinen jetzt den IS?

 

Krüger: Ninive. Du kannst im Internet nachschauen. In Ninive sind die IS-Soldaten, die das große Tor zerstören, eines der unerhörtesten Denkmäler der Welt. Das wäre so, wie wenn morgen am Kölner Dom jemand kommt und mit der Spitzhacke das Ding unten zersägt. Das ist nicht zu fassen. Aber die eigentliche Musik spielt sich im Netz ab. Da werden wir irgendwann so eingewickelt sein, dass wir uns gar nicht mehr wehren können. Und dann gibt’s auch keine Kreativität mehr, weil dieses Netz dir genau vorgibt, was du zu tun hast. Und was eine Perspektive dazu betrifft, da gibt’s noch gar keine … Das wäre die Revolution der Zukunft. Nicht mehr auf die Straße zu gehen gegen soziale Ungleichheiten, da gibt’s mittlerweile so viele Steuerungsmöglichkeiten, um das in irgendeiner Weise auszutarieren. Aber die eigentliche Revolution, die meines Erachtens auf der Straße und im Netz ausgeführt werden müsste, wäre eine Revolution zur Demokratisierung der Netze. Da denkt noch keiner drüber nach. Oder zu wenige.

 

PS: Das ist doch ein gutes Schlusswort. Gehen Sie mit uns noch eine rauchen?

 

Krüger: Ja, das tue ich.

 

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Michael Krüger hat Ende der Sechziger Jahre mit Freunden eine Buchhändlergesellschaft gegründet. Die bis dahin gewerkschaftslosen Einzelpersonen verbanden sich, um gegenüber anderen Produktionsstationen, wie zum Beispiel Druck oder Papier, eine Position erstreiten zu können. Schließlich wurden sie in den HBV (Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherung) aufgenommen.

 

 

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