PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

alter – das andere Erleben von Dauer

von kaśka bryla

Es ist an einem Winterabend nach der Lesung aus Sashas Erstling Außer sich. Einige sitzen noch beieinander und diskutieren, über literarisches Übersetzen, Frausein im Literaturbetrieb und das Ende der Nachwuchsförderung mit dem Alter von 35.
Obwohl ich das Thema „Alter“ für die PS#4 vorgeschlagen habe und deshalb bei diesem Gespräch besser zuhören sollte, ist es all das nicht, was mich an diesem Abend beschäftigt. „Gerade lese ich wieder nur Literatur von Frauen“, sagt Sasha, und ich darauf: „Das erinnert mich an meine separatistische Phase zwischen 20 und 25. Damals hab ich selbst meinem Vater das Gespräch aufgekündigt und ihm stattdessen vorgeschlagen, die an.schläge zu abonnieren.“ Weil ich also gedanklich in meine Vergangenheit abschweife, mich Erinnerungen überfluten, höre ich Sashas Folgesatz nur im Auslaufen. „… konsequent, wie weit wäre es möglich, sich rückwärts entlang der Literaturgeschichte zu bewegen?“ Wie lange entlang der Literaturgeschichte wäre es möglich, nur auf von Frauen geschriebene Literatur zurückzugreifen? (Als ich Sabine Scholl später die erste Outline für diesen Essay schicke, schreibt sie mir zurück, dass sich meine Ergebnisse bei einem solchen Vorhaben sehr bald ausdünnen würden. Deswegen sei sie selbst dazu übergangen, nach Mythen zu forschen.)
Ich blicke zu Sasha und nicke. Sie sagt: „Jill Soloway, ‚The Female Gaze‘, auf YouTube, musst du dir anschauen.“ Zur Sicherheit tippt sie es in mein I-Phone. „Ist gut“, entgegne ich und bin dankbar, dass ich mir Jill Soloway nicht zu merken brauche. Im hinteren Teil meines Gehirns allerdings, in dem Teil, wo Träume entstehen, spüre ich, wie an diesem Abend, von mir selbst beinahe unbemerkt, die Ausgangspunkte für die Struktur dieses Essays gesetzt werden.

Ich sehe mir das Video von Jill Soloway an und überlege, wie ich den weiblichen Blick in meinen Essay einarbeiten kann. Anstatt in der Literaturgeschichte rückwärts zu gehen, beschließe ich nach dem Mailaustausch mit Sabine, mich auf die Suche nach dem lateinischen „alter“ zu machen – also nach dem „Anderen“: den People of Color, Frauen, Lesben, Transgender- und Intersexpersonen, nach denen, die nicht dazugehörten, nach den „Freaks“, die mich am stärksten geprägt haben und deren Literatur, Gedanken, Geschichten bis heute in mir nachbeben und alles, was ich selber schreibe, infizieren. Und ich mache mich auf die Suche nach ihrem, nach dem anderen Erleben von Dauer – ausgehend von zwei Wahrheiten, die ich im Laufe meines bisherigen Lebens begriffen habe. Dass, erstens, Wissen Macht ist, aber das Wissen um die eigene Geschichte mächtiger. Und dass, zweitens, der Blick vom Rand, von der Grenze, vom Außen der bei weitem schärfste ist, um das Innen adäquat zu begreifen und in Worte zu fassen.

In den Wirtschaftswissenschaften begibt man sich zur Berechnung komplexer Zusammenhänge an die Grenzen eben dieser. Um beispielsweise den Nutzen eines Gutes zu bestimmen, berechnet man dessen Grenznutzen. Über den Grenznutzen hinaus lässt sich die Grenzrate der Substitution bestimmen, der Moment, ab dem wir bereit sind, ein Gut für ein anderes einzutauschen.
Als ich 18 Jahre alt war, las ich Audre Lordes Zami – ein Leben unter Frauen. Damals, nach meiner Matura, tauschte ich zum ersten Mal bewusst die Literatur heterosexueller weißer Männer gegen die Perspektive der „Anderen“. Heute sitze ich vor Lordes Krebstagebüchern – Ich werde nicht erklären, wer Audre Lorde ist. Auch nicht in einer Fußnote. Ich finde, jeder Mensch, dem James Joyce oder Elfriede Jelinek ein Begriff sind, der sollte auch Audre Lorde kennen, und wenn dem nicht so ist, sich für seine Bildungslücke schämen oder zu seinen Lehrer*innen, Professor*innen, Mentor*innen gehen und diese Scham dort abgeben, wo sie hingehört.

Am 25. März 1978, zehn Tage, nachdem ich geboren wurde, machte Audre Lorde den ersten Eintrag in ihrem Krebstagebuch. Sie schrieb: „Die Vorstellung von Wissen – an Stelle von Glauben, Vertrauen oder auch nur Verstehen – hat schon immer als ketzerisch gegolten. Aber ich würde freiwillig jeden Preis an unvermeidlichen Schmerzen dafür zahlen, das Gewicht der Vollständigkeit kosten zu können, randvoll zu sein nicht mit Überzeugungen, nicht mit Glauben, sondern mit Erfahrung – einem Wissen, das unmittelbar und von allen anderen Gewißheiten verschieden ist.“

Wenn ich also das Leben betrachten möchte, dann wohl am zuverlässigsten aus der Perspektive einer Sterbenden. Um eine Norm festzuschreiben, muss ich mich an die Ränder dieser Normierung begeben. In beiden Fällen habe ich von dort, von der Grenze, vom Rand aus den besten Überblick. Gleichzeitig liegt auf der anderen Seite der Grenze der Abgrund, entweder in Form von Tod oder in Form der „Krankheit“ – wie es Peter Hoeg in seinem autobiographisch geprägten Roman Der Plan von der Abschaffung des Dunkels anschaulich erklärt: Der Waisenjunge Peter, der bereits etliche Erziehungsanstalten durchlaufen hat, und seine Mitschülerin Katharina, die erst kürzlich Mutter und Vater verlor, begegnen einander im Schulprojekt des Schuldirektors Biehl – einem geheimen humanistischen Versuch, mittels zweifelhafter Formen der Integration jene Kinder mit schlechten Ausgangsbedingungen wie Peter entgegen allen Prognosen doch noch aus der Dunkelheit heraus ins Licht zu führen. Dabei scheuen Direktor Biehl und der restliche Lehrkörper weder physische noch psychische Gewalt. Katharina, für die „Verstehen“ alles bedeutet, überredet Peter, mit ihr gemeinsam ein Laboratorium zu gründen, in dem die beiden den unlogischen Vorgängen an der Schule auf die Spur kommen wollen.

„Es wurde nun ein Morgenlied gesungen, gefolgt von einer Pause, Biehl betete das Vaterunser, Pause, ein kurzer Choral, Pause, ein Vaterlandslied, Pause und Schluß, und er verließ den Saal, wie er gekommen war, flink, fast im Laufschritt.Welche Gefühle gab es im Saal, während das geschah?Wahrscheinlich keine besonderen Gefühle, sagte ich, es war früh am Morgen, und die Leute waren müde, und könnten wir jetzt damit aufhören, ich bekam langsam Kopfschmerzen und es war spät, es hatte schon geläutet. Ich erinnerte an die Uhrzeit. Noch nicht, sagte sie, auf einen Zusammenhang wolle sie mich noch aufmerksam machen, und zwar auf den Zusammenhang mit dem Schmerz. Meldete sich während eines Experimentes ein Schmerz, wie jetzt diese Kopfschmerzen, solle man nie unterbrechen und sich von ihm entfernen. Sondern stattdessen solle man das Licht der Aufmerksamkeit auf ihn richten. So redete sie. Das Licht der Aufmerksamkeit. Dann wandten wir uns der Furcht zu.“ (S. 7/8)

Angelehnt an das eigene X, ein Gedanke aus Lena Vöcklinghaus Essay in der PS#3, spricht mich Peter Hoegs Roman unter anderem deshalb derart an, weil Biehls Schule dem von mir besuchten Gymnasium so ähnelt. Die permanente Aufsicht, das Panoptikum des Schulhofs, wöchentliche Berichte, bei denen sich der Rektor die Mühe machte, jede einzelne Unterstufenklasse aufzusuchen und sich vom zuständigen Präfekten die Eintragungen jeder einzelnen Schülerin laut vorlesen zu lassen. Wurde man selbst aufgerufen, musste man aufstehen, und je nachdem, ob Lobe oder Tadel vorgelesen wurden, folgten Güte oder Geschrei. Ich erinnere kaum jemanden, nicht den verschlagensten Lauser, dem bei den Schreien des Rektors nicht Tränen in die Augen geschossen waren. Aber mehr noch als über die Ähnlichkeit spricht die Geschichte von Peter und Katharina mir immer wieder Mut zu, dass es niemals zu spät ist, zurückzugehen und sich seiner Geschichte zu stellen, mit der Klarheit von damals und der Fähigkeit von heute sie in Worte zu fassen. Zurückzukehren an den Rand und aufzuholen, was von außen an eigener Identitätsbildung verwehrt worden war, sich nachträglich ein Bewusstsein aufzubauen, das um die eigene Geschichte und damit um die Kämpfe derer, die so waren wie eine selbst, Bescheid weiß und aus diesem heraus reflektierte Entscheidungen trifft.

Am 29. Dezember 1978 schrieb Audre Lorde: „Bewusstlos sein heißt eigentlich nur, keine Antwort geben und sich nicht schützen können vor dem, was durch die Ohren und übrigen Sinne aufgenommen wird.“

Peter und Katharina verwehren sich dieser von ihnen durch ein autoritäres humanistisches Regime in Form von Biehls Schule geforderten Bewusstlosigkeit. Sie entscheiden sich, ihren Kontext einer Analyse zu unterziehen. Sie wollen den Misshandlungen, die vom Rest ihrer Gesellschaft nicht einmal als solche wahrgenommen werden, auf den Grund gehen. Sie wollen verstehen, und mehr noch wollen sie aufklären. Und um dieses tiefe Verstehen zu generieren, nutzen sie die Kraft, die der „Krankheit“ innewohnt. Eine Krankheit, die heute wahrscheinlich als Depression oder posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet würde, und die den Menschen, die mit ihr leben, eine besondere Sensibilität verleiht: eben jene an der Grenze.

„Das war die Möglichkeit, die in der Krankheit lag“, erklärt Peter. „Wenn gerade etwas Wichtiges geschah, konnte man loslassen und kam zu einem reichen Augenblick, voller Verstehen. Es ist, als nähere man sich einem schwarzen Loch. Kommt man zu dicht heran, wird man eingesogen. Doch kommt man nur in die Nähe, ist da Verstehen.“(S. 36)

Olivia Golde und Carolin Krahl gehen in ihrem Essay Worte überm Abgrund aus PS#3 auf diese Sensibilität in Verbindung mit Melancholie und Depression bei Schriftstellerinnen wie Bachmann oder Plath ein und heben dabei hervor, dass, obwohl Melancholie – oftmals als Schreibtool verwendet – beinahe gepriesen werde, die Depression einen Zustand generiere, der sich einer sprachlichen Ebene entziehe und nur in den Momenten dazwischen, in den Pausen, für künstlerisches Schaffen „genutzt“ werden könne. Der Unterschied zwischen der Krankheit, der Depression, und der Stimmung, der Melancholie, wird aufgerissen. Er spannt den Graben zwischen denen, die aufgrund ihrer Krankheit in der Lage sind zu verstehen, und den Gesunden, die in Peter Hoegs Roman den Kreis derer bilden, die „innen“ sind und in ihrem Inneren vielleicht ab und an etwas ahnen, aber niemals verstehen können – weil es mit ihrem Pass für sie keine Grenzen und somit keinen Zugang, aber auch keine Notwendigkeit des Verstehens gibt. Für die, die innen sind, gibt es das Außen nur theoretisch. Für die Gesunden existiert die Krankheit lediglich in einer obskuren Form der Beobachtung, der Objektivierung. „Sie wollten nichts wissen von dem Gedanken, dass einige Schüler unten im Dunkel waren“, begreift Peter bei seiner Recherche zu eben diesem Roman. „Sie wollten überhaupt vom Dunkel nichts wissen, alles im Universum sollte hell und licht sein. Mit dem Messer des Lichts wollten sie das Dunkel sauberschaben. Dieser Gedanke wirkt beinahe geisteskrank“ (S. 262). Mit diesem letzten Satz pocht Peter Hoeg an das oberste Tor: Was ist krank? Wer ist krank? Jene im Inneren, die daran glauben, die ins Dunkel Gefallenen retten zu können, oder jene vom Rand, deren Begehr es ist zu verstehen, um aus diesem Verständnis heraus vielleicht Veränderungen anzustoßen, statt nur zu überleben.

Am 25. September 1978 schrieb Audre Lorde: „‚Die Sonnenseite des Lebens sehen‘ ist ein Euphemismus, der genauso wie oberflächliche Spiritualität dazu dient, gewisse Realitäten zu verschleiern, deren unverhohlene Betrachtung sich als bedrohlich oder gefährlich für den Status quo erweisen könnte.“

„Was ist Zeit?“, stellt Peter Hoeg an den Anfang seines Romans; nicht des Romans, der ihn berühmt machte – das war „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ –, womöglich aber des Romans, der ihn am meisten Kraft kostete, denn im Laufe der Beantwortung eben dieser Frage wird deutlich, dass die Zeit nicht auf der Seite derer ist, die außen sind. Die Zeit arbeitet für die im Inneren, weshalb sich „alte weiße Cis-Männer“ auch ruhig ins Grab legen können, wissend, dass ihr Erbe weitergereicht, es ihren Tod überdauern wird. „In ihren Gedanken aber, oder auf dem Grund ihrer Gedanken, als ein fernes Ziel, hatten sie die ganze Welt. ‚Wir arbeiten für die Herrlichkeit künftiger Zeiten‘, schrieb Biehl. Sie spürten, die Zeit war auf ihrer Seite, sie arbeiteten an etwas, das sich ausbreiten und zuerst die ganze Volksschule beseelen würde und dann den Rest des Landes. Wenn es ausgesprochen werden musste, nannten sie nur Gruppen von Kindern. Ihr Ziel aber war das Universum.“ (S. 248)

Ein Jahr später, am 19 November 1979, schrieb Audre Lorde: „Ich bin ein Anachronismus oder eine Fehlplanung der Natur, wie die Biene, die eigentlich gar nicht zum Fliegen geschaffen ist. Sagt die Wissenschaft. Und ich bin eigentlich nicht zum Existieren geschaffen. Ich trage in meinem Körper den Tod mit mir herum wie ein Urteil. Und doch lebe ich, so wie die Biene fliegt. Es muß irgendwie möglich sein, den Tod ins Leben einzubeziehen und weder so zu tun, als existiere er nicht, noch sich ihm hinzugeben.“

Je länger das Leben dauert, umso sicherer begegnet einer das Phänomen der Wiederholung. Im April 2018 stolpere ich zufällig in die Ausstellung Netzkünstlerinnen 2.0 im Museum der Bildenden Künste in Leipzig. Zufällig, weil ich mir eigentlich die sehr gut beworbene Ausstellung des Lebenswerks von Arno Rink ansehen wollte. Statt Arno Rink finde ich Annette Schröter, deren Bilder überdimensionaler Schneeflocken mir meine eigene Liebe zum und Furcht vor dem Winter spiegeln, und kurz darauf in einem anderen Stockwerk die Netzkünstlerinnen. Alles in Pink, Pink als starke Farbe, alles Twitter und Instagram und Facebook. Fasziniert und erschlagen von so viel unterschiedlichem Input auf einmal bewege ich mich langsam durch die große Halle. Vor einer Filminstallation bleibe ich stehen. Eine sehr leicht bekleidete Frau mit Maske vor dem Gesicht bewegt sich durch L.A., wobei sie mit aufreizenden Gesten provoziert (www.youtube.com/watch?v=bXn1xavynj8). In der Beschreibung steht, dass es bei dieser Performance zu körperlichen, sexistischen Übergriffen kam. Dass die Frau beschimpft wurde. Es ist auch in dem Video zu sehen. Ich denke an eine Performance von Yoko Ono, Cut Piece (1964).
Damals wie heute gibt es viel Empörung über das respektlose Verhalten der Passant*innen, der Zuschauenden – Empörung über die Übergriffe, den Sexismus, die Gewalt. Daran ist nichts verkehrt. So ein Verhalten ist schließlich zeitlos empörenswert, wenn auch über die Wiederholung leider vorhersehbar. Was mir heute fehlt, in der Ausstellung im MdBK in Leipzig, ist die Referenz zu Yoko Onos Performance. Mir fehlt der Link. Mir fehlt das transparente Etablieren einer feministischen (Kunst)Geschichte. Und wahrscheinlich fehlt mir dadurch auch die Empörung durch die Wiederholung der Reaktionen auf die Performance selbst – eine Wut über das Anhalten eben solch empörenswerter Verhaltensweisen trotz der vielen verschiedenen feministischen Bewegungen des letzten Jahrhunderts.

Am 18. Februar 1984 schrieb Audre Lorde: „Ich möchte alles aufschreiben, was ich über Angsthaben weiß, aber dann hätte ich sicherlich keine Zeit mehr, um über etwas anderes zu schreiben. Angst hat ein Land, das uns bei der Geburt Pässe aushändigt und hofft, daß wir das Bürgerrecht nicht auch anderswo suchen. Das Gesicht der Angst verändert sich ständig, und ich muß mit dieser Veränderung rechnen. Ich muß leicht und schnell reisen und eine Menge Gepäck zurücklassen. Stückgut.“

Unsere Art der Geschichtsschreibung ist patriarchal. Jene, die sich am Rande bewegen, kommen nur dann vor, wenn sie für die im „Inneren“ etwas beisteuern. Wohin also sollen sich jene am Rand auf der Suche nach ihrer Geschichte, nach ihrer Macht wenden, wenn nicht hin zur Literatur, zum Theater, zur Kunst? Wo dürfen ihre „Geschichten“ bestehen, wenn nicht dort, wo sie diejenigen im „Inneren“ um ein vermeintliches „Verstehen“ reicher machen, ohne sie in ihrer eigenen Geschichtsschreibung und gelebten Mittelmäßigkeit zu bedrohen?
Wo, wenn nicht in der Literatur, könnte eine schwule Figur wie die in Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit so viel Gehör, Resonanz und Dauer bekommen, wo würde man sich die Innensicht eines Pädophilen (Lolita) so wohlwollend zu Gemüte führen, ließe man eine schwarze Frau die Hauptrolle spielen (Zami)? – Moment: Audre Lorde ist ja nicht Teil dieses Kanons.
Eben dort habe auch ich gesucht, nur eben anders als jene von innen – nicht, um aus einer Muße heraus mein Allgemeinwissen, meine höhere Bildung aufzustocken. Ich habe verzweifelt gesucht, händeringend nach den Anderen und damit nach meiner Geschichte, um meine Existenz legitimieren zu können, um einer Orientierung willen, um zu überleben.

Am 23. Mai 1984 schrieb Audre Lorde: „Wir sind die Bindestrich-Menschen der Minderheit, deren selbstbestimmte Identitäten keine schamhaften Geheimnisse in unseren Herkunftsländern mehr sind, sondern vielmehr eine Macht- und Solidaritätserklärung. Wir sind eine wachsende vereinigte Front, von der die Welt noch nichts gehört hat.“

Katharina und Peter kommen dem Geheimnis von Biehls Privatschule auf die Spur. Sie entlarven die gut gemeinte, aber so grausame Erwachsenenwelt. Wie ist das möglich, dass zwei Jugendliche etwas derartiges leisten? „Dann kam eine ganz kurze Pause. Sie war zu kurz, um sie zu bemerken, sie war kleiner als ein mentales Chronon, sie war da, und dann war sie vorbei, und nur Spuren waren übrig. Eine vage Furcht, die man nicht verstand. War man aber krank, dann bemerkte man diesen Augenblick. Was wir hatten, war ja eben eine krankhaft erhöhte Empfindlichkeit für ganz kleine Zeiträume, und dann sah man die unendlich vielen und komplizierten Machtausübungen des Augenblicks, und man sah, wie allen, die anwesend waren, ein feines, ewiges Mal der Angst eingedrückt wurde und dass das etwas zu tun hatte mit dem Lernen der Zeit.“ (S. 286)

Wenn man innen ist, sieht man den Rand nicht. Mitten im Meer ist es nicht möglich zu sehen, dass es irgendwo endet. Zwischendrin vergisst man wahrscheinlich, dass es endlich ist. Aber wenn man sich entlang des Randes bewegt, ist es überlebensnotwendig, das Innere durch und durch zu verstehen. Allzu oft muss man ja so tun als ob, als ob man auch innen sei. Eine Frau kennt Männer besser als die sich selbst. Jede Geste, jeden Gesichtsausdruck eines Mannes können Frauen deuten, haben Frauen zu deuten gelernt, während sich Männer bis heute damit brüsten das weibliche Mysterium schlichtweg nicht begreifen zu können. Jeder schwule Mann und jede lesbische Frau versteht Heterosexualität und Heterosexismus, während ein Großteil der heterosexuellen Bevölkerung schon die Eigenbeschreibung „heterosexuell“ für sich ablehnen würde, da es ja für die Norm einer Beschreibung überhaupt nicht bedarf. Jede PoC liest in den Gedanken ihres weißen Gegenübers die rassistischen Vorurteile mit und übergeht sie meistens unkommentiert (oft wohlwollend), während das Gegenüber einfach entspannt er selbst sein kann.

Am 23. Mai 1984 schrieb Audre Lorde in Berlin: „Das Schweigen über die Juden ist beklemmend. In der ganzen Stadt gibt es nur eine Gedenkstätte, und die ist dem Widerstand gewidmet. Am Eingang steht eine riesige Urne mit der Inschrift ‚Erde aus ehedem deutschen Konzentrationslagern.‘ Dies ist ein solch euphemistisches Sichdrücken vor der Verantwortung und eine solche Aufforderung zum Vergessen, kein Wunder, daß meine Studentinnen sich verhalten, als sei der Nationalsozialismus ein schlimmer Traum gewesen, den man am besten vergißt.“

Jedes Quäntchen Geschichtsschreibung der Anderen ist niemals eine Selbstverständlichkeit, es ist immer ein Kampf. Und es ist immer ein Kampf der Vergessenen, weil er nicht selbstverständlich miterzählt wird. So wie Feministinnen heute, wenn sie nicht gerade dabei sind, sich von „Bezeichnungen“ abzugrenzen, allzu oft vergessen, auf welchen Schlachtfeldern und mit welchen Körpern der Boden gelegt wurde, auf dem sie selbst sich nun abgrenzen können.
Aus seinem Laboratorium heraus, in dem Peter dem Phänomen der Zeit nachgeht, teilt er mir, seiner Leserin, mit, dass „wir Zeit sagen, wenn wir mindestens zwei Dinge meinen. Wir meinen Veränderungen. Und wir meinen etwas Unveränderliches. Wir meinen etwas, was sich bewegt. Aber vor einem bewegungslosen Hintergrund. Und umgekehrt. Tiere können Veränderungen bemerken. Zeitbewusstsein aber besteht aus dem doppelten Gefühl von Unveränderlichkeit und Veränderung. Es kann nur denen zugeschrieben werden, die es auch ausdrücken können. Und das ist nur möglich in Verbindung mit der Sprache, und nur der Mensch hat Sprache. Zeitgefühl und Sprache gehören untrennbar zusammen.“ (S. 289)

Am 22. Dezember 1985 schrieb Audre Lorde: „Wogegen ich hier am meisten ankämpfen muß, ist das Gefühl, daß es sich einfach nicht lohnt – zu viel Kampf für zu wenig Gewinn, und ich habe die ganze verdammte Zeit Schmerzen. Etwas geht in mir vor und drängt sich in mein Leben. Eine ständige, zerstörende Verzweiflung droht unentwegt und ist selbst dann körperlich spürbar, wenn meine Grundstimmung recht zuversichtlich ist. Ich verstehe das nicht, aber ich will nicht in irgendeine Form von Resignation gleiten oder stürzen. Ich werde mich nicht sachte mit einem Gute Nacht verabschieden!“

Katharina und Peter werden geschnappt und müssen sich vor einem Erwachsenengremium verantworten. Ihre Untersuchung ist aus dem Ruder gelaufen. Es gab einen Toten, andere wurden verletzt, der makellose Ruf der Schule angekratzt. Sie werden voneinander getrennt, Peter in eine Isolationszelle gesteckt. „Als ich am Lars-Olsen-Gedächtnisheim drei Wochen lang von anderen Menschen isoliert war, da hörte die Welt auf zu existieren. Schließlich gab es kaum noch eine innere Wirklichkeit. Wird der Mensch total isoliert, dann hört er auf zu existieren. Also kann man im Grunde genommen nicht allein sein. Im Grunde genommen muss der Mensch mit anderen Menschen zusammen sein. Ist ein Mensch ganz, ganz allein, dann ist er verloren.“ (S. 274)

Der Plan von der Abschaffung des Dunkels ist nur ein Roman, eine Geschichte. Das ist nicht die Realität. Aber vielleicht ist es die einzige Möglichkeit, eine derartige Realität öffentlich zu machen, einer derartigen Realität ihre Geschichtsschreibung zu geben. In den dänischen Schulen steht Biehls Schulversuch, der von ganz oben abgesegnet worden war, sicher nicht als Beispiel dänischer Geschichte auf dem Lehrplan. Jedoch, weil es den Roman gibt, können die mit der erhöhten Empfindlichkeit gegenüber den ganz kleinen Zeiträumen sich ein Laboratorium schaffen, nach dem Vorbild von Katharina und Peter, und in ihrem Laboratorium eine wissenschaftliche Untersuchung durchführen – einfach, um zu verstehen, und vielleicht etwas zum Besseren zu ändern.

Am 15. Dezember 1986 schrieb Audre Lorde: „Ein Privileg zu erkennen ist der erste Schritt, es einer breiteren Verwendung zugänglich zu machen. Wir alle sind, jede für sich, auf bestimmte Art gesegnet, ob wir uns unserer Segnungen bewußt sind oder nicht. Und jede von uns muß sich irgendwo in ihrem Leben innerhalb dieser Segnung einen freien Raum schaffen, wo sie sich der jeweils erreichbaren Quellen bedienen kann im Namen dessen, was getan werden muß… Wenn nur eine einzige Schwarze Frau, die ich nicht kenne, aus meiner Geschichte Hoffnung und Kraft schöpft, dann war sie die Mühe des Erzählens wert.“

Der Grenznutzen eines Gutes ist der Nutzenzuwachs, den ein Wirtschaftssubjekt (ein Mensch) durch den Konsum einer zusätzlichen Einheit eben dieses Gutes erhält. Ein Grenznutzen von Null bedeutet, dass für dieses Gut Sättigung eingetreten ist. Der Konsum einer weiteren Einheit dieses Gutes würde keinen zusätzlichen Nutzen stiften – im Gegenteil. Im Fall von Eiscreme, dem Gut, an dem ich im Verlauf meines Wirtschaftsstudiums die Theorie des abnehmenden Grenznutzens verifiziert habe, war es der Punkt, an dem mich übergeben musste.
Oft frage ich mich, wann wohl der Nullpunkt für die weiße patriarchale Weltordnung in all ihren Ausläufern erreicht sein wird. Wann werden wir gemäß der Grenzrate der Substitution uns für einen anderen Weg entscheiden? Wann werden wir uns – gleich den Beschimpfungen, die sich Lesben, Schwule, Queere und Kanaken zurückgenommen haben, um sie als Kampfansage eben jenen ins Gesicht zu schleudern, die meinten, sie damit zu demütigen – die Theorien zurücknehmen, mit denen unser Denken klein gehalten wird, um sie jenen zurückzuschleudern, die es verstehen, von eben diesen Theorien zu profitieren? Denn am Ende profitieren von den Verbesserungen am Rande immer auch jene im Inneren. Wahrscheinlich, da Menschen vom Rand aus einfach den besseren Überblick haben.

 

Inspiriert von

Gesprochenem:
Mit der PS-Redaktion (Josh Fenzl, Carolin Krahl, Olivia Golde), Sibylla Vričić-Hausmann, Sasha Marianna Salzmann, Sabine Scholl, Muriel Gonzales, Lena Vöcklinghaus und Maxi Obexer.

Gelesenem:
Audre Lorde, Auf Leben und Tod: Krebstagebuch.
Peter Hoeg, Der Plan von der Abschaffung des Dunkels.
Ernaux, Die Jahre.

Krell, Alter und Altern bei Homosexuellen.
Wyatt-Brown and Rossen, Aging and Gender in Literature, Studies in Creativity.
Thane, Das Alter, Eine Kulturgeschichte.
Sigrid, Die Alte Frau in der Literatur.
King, Discourses of Ageing in Fiction and Feminism, The Invisible Woman.
Milena Verlag, Eure Sprache ist nicht meine Sprache; Texte von Migrantinnen in Österreich.
Scholl, Die Füchsin spricht.
Yates, Gedächtnis und Erinnern.

und Gesehenem:
Jill Soloway: The Female Gaze (https://www.youtube.com/watch?v=pnBvppooD9I)
Hannah Gadsby: Nanette (Netflix)
AMERICAN REFLEXXX (www.youtube.com/watch?v=bXn1xavynj8)

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