PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Alinas Gast

von Magdalena Diercks

„Soll ich dir helfen?“
„Nein, ich habe alles im Griff. Kämm lieber deine Haare. So willst du doch nicht zu Tisch, oder?“, sagte die Mutter.
Alina ging ins Bad und versuchte ihre Haare glatt zu bürsten. Es war unmöglich, sie zu zähmen. Die Mutter schwärmte bei jeder Gelegenheit davon, was für schönes Haar Alina als Kind gehabt hatte. Schließlich war sie damals diejenige gewesen, die es gebürstet – dreißig Mal in jede Richtung – und gepflegt hatte. Auch der Vater konnte das bestätigen. Genau wie die Mutter hatte er alles unter Kontrolle und war seit zwei Stunden damit beschäftigt, alle sich im Haushalt befindlichen Schuhe zu putzen.

Später saßen sie zu dritt am Küchentisch, in der Wärme des Kachelofens, der Dank Alina die fortschreitende Modernisierung des Hauses überlebt hatte. Es gab Gänsebraten mit Kruste, Kartoffeln und Rotkraut. Die Mutter hatte vor Weihnachten so viel vorbereitet, dass sie jetzt nur noch die passenden Töpfe von der Veranda holen musste, um das Essen aufzuwärmen. Über die Feiertage hinaus reichte der Vorrat, aber nicht die Geduld im Umgang miteinander, die sich von Tag zu Tag erschöpfte.
Alinas Teller wurde randvoll gefüllt, im guten Glauben, je mehr sich darauf befände, desto länger würde sie am Tisch sitzen bleiben. „Wie geht es in der Stadt? Wird die Agentur dich nach dem Praktikum übernehmen? Warum kommst du alleine? Da gab es doch, wie hieß er denn, mit dem du im Sommer hier warst, was ist mit dem?“
Alina hatte diese Befragungen ausgeblendet, als sie die zehntägige Reise in die Karpaten zu ihren Eltern geplant hatte – so wie ein Tourist die Müllhalden vom letzten Urlaub ausblendet, erneut an den gleichen Strand fährt, und sich wieder darüber ärgert. In der Enge der dreiköpfigen Familie hatte sie ihre Kindheit verbracht, und es war ihr noch nicht gelungen die Familienrunde zu vergrößern. Gott sei Dank war das Haus groß genug, um sich aus dem Weg zu gehen. Bald schon ließ sie sich nur noch zu den Mahlzeiten blicken. Dabei hatte sie ein schlechtes Gewissen, dass sich ihre Eltern nach ihr richteten und zu Abend aßen, was sie lieber zu Mittag gegessen hätten. Alina schlief bis Mittag und der Tagesrhythmus verschob sich nach hinten. Ihr ganzes Leben schien nach hinten verschoben und es gab keinen Ort, wo sie das mehr als hier in aller Deutlichkeit spürte.
An dem unbequemen Tisch nahm das Ticken der Wanduhr immer mehr Raum ein, während sie schweigend die Reste des Gänsebratens zerlegten.
„Entschuldigt, aber ich muss noch wichtige Mails schreiben“, sagte Alina und stand auf. An der Haustür klingelte es.
„Erwartest du jemanden?“, fragten Mutter und Vater gleichzeitig.
„Wieso? Hier wohnt niemand mehr, den ich kenne. Ich schau’ nach.“
Sie kam mit der Nachricht zurück, dass ein fremder Mann vor der Tür stehe, der gekleidet sei, als käme er aus Alaska. „Soll ich ihn reinlassen? Er sagt, er kennt euch.“
„Das ist der Obdachlose. Er will Geld für eine Übernachtung“, sagte der Vater und zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche.
„Vielleicht will er etwas essen!“, rief Alina dem Vater hinterher, der schon durch den Flur nach draußen lief.
„Das muss doch nicht sein“, sagte die Mutter.
So gedankenlos wie Alina das Angebot ausgesprochen hatte, nahm sie die Antwort der Mutter jetzt als Herausforderung wahr. Im Grunde hatte sie ja nichts Wichtiges zu tun und merkte, dass auch Neugierde in ihr hochstieg: Was war das für einer, der sich traute, um 21 Uhr an einer fremden Tür zu läuten?
Der Mann war beladen mit einem Rucksack und stand auf der Veranda im Licht des orangenen Weihnachtssterns. Sein Spiegelbild verfing sich in den fein geteilten Glasscheiben. Er zog seine pelzumrandete Kapuze herunter, seine Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die Gesichtszüge waren geradlinig, von Wind und Sonne gegerbt, was die Abschätzung seines Alters unmöglich machte. Sein Blick war klar und auf Alina gerichtet.
„Kommen Sie doch rein! Wir haben viel zu essen“, sagte sie wie benommen und zeigte mit der Hand auf alle Töpfe, Wein- und Bierflaschen, die auf dem gefliesten Boden ausgebreitet standen.
„Essen gerne, aber reinkommen tue ich nicht. Da müsste ich die Schuhe ausziehen und meine Füße stinken.“
„Ach, hier stinkt es doch auch, nach Schuhcreme, nach Gänsebraten. Da werden wir von Ihren Füßen nichts merken.“
„Setzen Sie sich”, sagte der Vater, „und du wolltest doch deine Mails schreiben.“ Er schob Alina Richtung Tür, während der Fremde mit seiner großen Postur die Jacke auszog. Sie blieb stehen. „Wie geht es Ihrer Frau?,” fragte der Mann. „Eine reizende Dame.“ Ja, dachte sie, reizend, wenn sie nicht gerade die anderen reizte: immer perfekt gestylt, sogar die Farben der Küchenschürzen waren auf ihre Kleider abgestimmt. Und die Frisur, die blonden Haare behielten die Form der Lockenwickler 24 Stunden lang. „Ich wusste, dass es so kommen wird“, war ihr Lieblingsspruch, und Alina achtete darauf, der Mutter nichts zu erzählen, das sie so quittieren konnte.
Der Fremde hatte inzwischen im Rattansessel Platz genommen und rieb seine Hände.
„Nur noch Wölfe streifen jetzt durch den Wald. Manchmal fühle ich mich wie einer von ihnen. Vor ein paar Tagen habe ich die Reste eines Wildschweins gefunden, Feuer gemacht und gebraten. Das Wildschwein hatte ich sicher den Wölfen zu verdanken. So ist mein Leben, immer den freien Himmel über dem Kopf und ab und zu Gelegenheiten.“ Er lachte auf.
„Haben Sie denn keine Angst vor Wölfen?“, fragte Alina.
„So! Guten Appetit der Herr!“, unterbrach sie der Vater, der mit einem dampfenden Teller auf die Veranda trat und ihn auf den Glastisch stellte. „Komm. Wir gehen jetzt.“ Alina folgte ihm, aber als die Tür hinter ihnen zufiel, zischte sie: „Was soll denn das? Warum soll er alleine essen?“
„Daran ist er gewöhnt.“
„Aber so soll es nicht sein. Ich leiste ihm Gesellschaft. Ich will mich mit ihm unterhalten.“
Sie warf dem Vater einen bösen Blick zu und ging lächelnd zurück auf die Veranda. Der Mann hatte inzwischen die Hälfte der Gänsekeule vertilgt und ließ es sich schmecken. Alina zählte die Flaschen auf dem Boden und stellte fest, dass keine den Weg in seinen Rucksack gefunden hatte.
In ihrer letzten Beziehung, über die sie nicht reden wollte, hatte sie die Angewohnheit entwickelt, Flaschen zu zählen. Ihr damaliger Freund hätte in dieser kurzen Zeit locker eine halbe Weinflasche in sich gekippt, vielleicht eine ganze. Sie hatte ihn bei einem Firmenempfang kennengelernt, er hatte ihr zugeprostet, noch bevor sie ein Wort miteinander gewechselt hatten. Nach einem Jahr musste sie einsehen, dass dieses Zuprosten eine zwanghafte Gewohnheit war, die er nicht aufgeben würde.
Der Fremde, der sich heute hierher verirrt hatte, wollte Kaffee trinken. Und von der Gans hätte er gerne noch einen Nachschlag. „Der Braten schmeckt wunderbar! Haben Sie den gekocht?“
Sie lief in die Küche, um der Frage auszuweichen. Die Eltern saßen am Tisch und ihre Gesichtsausdrücke verrieten, dass sie abrupt ein Gespräch unterbrochen hatten.
„Schaut ihr nicht eure Abendserie?“
„Wir wundern uns, warum du auf einmal so viel Zeit hast. Mit uns willst du sie ja nicht verbringen.“
„Aber ich bin doch die ganze Zeit bei euch und er erzählt gerade sehr interessante Sachen, viel interessanter als der Müll, den mir die Leute täglich posten“, erklärte Alina und begann Kaffee aufzusetzen.
„Nie tust du hier was und jetzt bist du nicht aufzuhalten. Du musst erst den Filter anfeuchten!“, rief die Mutter.
„Renata, lass sie doch“, sagte der Vater.
„Schon gut. Wenn ich was mache, dann mache ich’s falsch. Deine 30-jährige Tochter schafft es nicht einen Kaffee aufzusetzen. Nur du machst alles perfekt.“
Alina gab auf und griff eine Flasche Limonade, die sie in einen Bierkrug goss. Mit dem ging sie hinaus, der Schaum kleckerte auf den Boden, als sie im Flur über die Schuhe stolperte. Kaum hatte sie das Getränk vor dem Mann abgestellt, rannte sie zurück, um den Nachschlag zu holen. Diesmal hüpfte sie über die Schuhe, voller Energie der Auflehnung, die sie in ihrem Tun beflügelte. Wieder in der Küche angekommen, machte sie sich am Herd zu schaffen. Die Deckel der Töpfe klapperten auf der Glasplatte. Unter den Blicken der Mutter zitterten ihr die Hände.
„Mach hier nicht so ein Durcheinander. Dein Gast wird dir schon nicht weglaufen. Wir kümmern uns hier das ganze Jahr um die Leute. Was glaubst du, wie viele bei uns anklopfen? Einer Frau haben wir sogar die Zähne bezahlt“, sagte die Mutter.
„Toll. Dann entspannt euch jetzt mal. Ich räume später alles auf. Sag mir nur, wo ich die Dose mit den Weihnachtskeksen finde.“
„Nimm den Mohnkuchen.“
„Der schmeckt doch keinem“, entgegnete Alina und eilte weiter, damit das Essen nicht kalt wurde.
Der Gast war tief in den Sessel gesunken. Sie verlangsamte ihre Schritte vor diesem Anblick, so majestätisch saß er da. Draußen peitschten die Tannenzweige gegen die Glasscheiben. Der Mann im Sternenlicht, der Wind vor der Tür, das alles wirkte wie ein Traum. Er beugte sich über den Teller und jonglierte geschickt mit der Keule. Sie fragte ihn nach den Wölfen, ob er sie auch gesehen habe.
„Mehr als einmal, aber nur von Weitem. Sie bleiben unter sich. Jetzt hat sich so ein junger Bär zu ihnen gesellt. Seine Mutter wurde erschossen. Da fand er eine neue Familie.“ Alina hätte ihm alles abgekauft, so lebhaft wie er die Geschichten erzählte, mit einem Augenzwinkern und Überzeugungskraft zugleich. Vor ihr saß ein Mensch, der in der Wildnis schlief, mit den Tieren lebte, sich im Bergbach wusch und sein Gewand auf den Baumzweigen trocknete.
„Großartig was Sie da erzählen, aber jetzt ist Winter und Sie sammeln Geld für eine Übernachtung. So ein Leben ist doch hart. So lebt man nicht freiwillig. Warum leben Sie so? Warum haben Sie keine Wohnung?“
„Ein Unfall. Ich hinke doch. Früher habe ich in einer Flugzeugfabrik gearbeitet. Dort ist mir so ein großes Teil auf den Fuß gefallen. Weg war der Job, weg war das Fliegen und weg war natürlich die Frau.“ Er runzelte die Stirn, sah ihr in die Augen und schwieg.
Sie entschied sich nach dem Fliegen zu fragen. Es dauerte eine Weile, aber dann hellte sich sein Gesicht auf.
„Mit dem Segelflugzeug bin ich geflogen. Als Pilot. Musik hab ich gemacht. Am Schlagzeug. Das waren Zeiten! Mit meiner Band waren wir in den USA auf Tour! Als Vorgruppe von Cyndi Lauper, Hammer! Die Frau ist genial!“
Alinas Gesicht verriet ihre Unwissenheit.
„Was? Die kennen Sie nicht!? Eine tolle Braut! Die hat Stimme! Und so tolle Haare wie Sie.“
Jetzt lachte sie. Er nahm es als Ermutigung zum Aufzählen von weiteren Musiktipps. Chris Rea sagte Alina auch nichts. „Den finde ich auch gut“, sagte der Vater, der mit einem Becher Kaffee über die Schwelle trat und nutzte die Gelegenheit, Songtitel aufzusagen, die sie alle nicht kannte. Es dauerte ewig, bis er wieder verschwand.
Der Mann erzählte weiter von Segelflugzeugen und wie sein Großvater mit ihm Übungen gemacht hatte. Als sie im Wohnzimmer saßen, hatte er hinter seinem Rücken verschiedene Gegenstände ausgelegt. „Dann musste ich mich kurz umdrehen, mir im Bruchteil einer Sekunde alles merken, was ich gesehen hatte und dann aufzählen, was ich mir gemerkt hatte. Wachsamkeit und Reaktionsvermögen sind lebensrettend.“ Jetzt komme ihm das zugute, da das Leben unter freiem Himmel viele Gefahren mit sich bringe.
„Heute Nacht gehen Sie aber in eine Pension. Hier ist noch ein Weihnachtszuschlag. Das müsste für eine gute Woche reichen“, platzte der Vater wieder herein und legte einen beeindruckenden Geldschein auf den Tisch. „Und noch ein Gruß von meiner Frau für unterwegs“, fügte er hinzu und überreichte ihm ein Päckchen, in dem Alina sofort den Mohnkuchen erkannte, den von der Nachbarin, den sie den Hühnern geben wollten.
„Vielen Dank! Jetzt muss ich weiter.“ Der Gast stand auf und packte alles in den Rucksack.
„Bleiben Sie doch noch“, widersprach Alina, „Ich hole Weihnachtskekse! Und meinen Laptop, dann können Sie mir Ihre Lieblingsbands zeigen!“
Sie lief in die Küche, wo die Mutter vor einem Kreuzworträtsel saß.
„Diese Mohnpampe ist doch ungenießbar. Wo sind die Kekse?“
„Dem wird’s schon schmecken. Der Kuchen ist gut genug für einen Strolch. Da sind sogar Landeier drinnen.“
„Mama! Dein Strolch ist ein Pilot. Er hat mit Cyndi Lauper Musik gemacht! Er ist ein Ex-Promi. Ich finde, er sollte gute Kekse bekommen.“
Sie suchte in den Schränken nach der Keksdose. Bald hatte sie sie in der Hand und legte den Inhalt auf einen Teller, kunstvoll exakt, in einem harmonischen Muster aus allen Backsorten. Plötzlich stand die Mutter auf und riss den Teller an sich. Alles fiel durcheinander.
„Ich habe die Kekse gebacken! Ich entscheide, wer sie essen darf! Und wenn du auch sonst mit solchen Lumpen deine Zeit vertust, dann wundert’s mich nicht, dass du da stehst, wo du stehst.“
Alina biss sich auf die Zunge. Obwohl alles in ihr brodelte, versuchte sie mit stoischer Miene die Stichelei zu ignorieren.
„Du weißt ja gar nicht, wer das ist. Du begreifst die Menschen nicht“, dozierte sie.
„Er ist ein Lump und der Kerl, den du letztens angeschleppt hast, war ein Säufer! Schon morgens hatte er eine Fahne. Du sagtest, Parfum. Oh nein, meine Liebe. Er hat sich aus dem Keller bedient, dein Vater hat die Flaschen gezählt! Acht waren verschwunden.“ Die Augen der Mutter blitzten triumphierend.
„Stell dir vor, das war nicht leicht für mich, aber ich habe etwas daraus gelernt. Ich weiß, du wusstest schon vorher, dass es so kommen wird. Du weißt alles! Du weißt alles besser!“, rief Alina.
Dann lief sie durch den Flur, auf die Veranda zu, und stellte sich vor, wie es wäre, mit dem Fremden abzuhauen. Einfach so, über alle Berge.

 

 

Lektorat: kaśka bryla, Eva Schörkhuber

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