PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

1740

Asja Bakić
übersetzt von Valerie Puk

Ich sitze auf der Veranda meines Hauses. Schrecklich schwitze ich. Vilko hat mir letztes Mal, als er zu Besuch gekommen ist, Deodorant und ein Spray gegen Mücken und Kakerlaken dagelassen, aber ich verwende sie sparsam. Der Schweiß meiner Achseln erinnert mich an die Literatur, mit der ich mir die Tage verkürze. Schmierige Liebesprosa, ab und an Dostojewski (wegen dem ich aus Verlegenheit schwitze) und selten, wenn ich Kraft hernehme, Naturkunde und Geschichte, Erzählungen über Tiere, über die vergangene Zeit und ausgestorbene Arten. Von diesem Stoff schwitze ich am meisten, aber ich tue so, als ob der Schweiß wegen der Schwüle ausbricht und nicht wegen des Buches, das ich lese. Sogar vor Vilko, den ich seit Jahren kenne, verstelle ich mich. Als meine Mutter lebte, sprach sie darüber, dass sie keine Zeit für Bücher hat, weil sie etwas Besseres zu tun hat. Und deshalb mochte auch ich das Lesen nicht, aber jetzt habe ich alle Zeit der Welt dafür. Ich muss sie irgendwie ausnutzen. Der Mensch ist keine ausgestorbene Art aus einer entfernten Vergangenheit, von den eigenen Bemühungen bedroht, um jeden Preis zu überleben. Menschen können alles und jedes überleben, und wenn ich den ganzen Tag aufzählen müsste, was sie alles überleben, wäre ich wahrscheinlich an Trübsal gestorben. Ich stecke meinen Kopf in Bücher und stelle mir vor, dass sie in diesen Momenten einen Sinn haben. Ich will nicht nachdenken, darum lese ich. Ich schlucke die Buchstaben. Ein Schweißtropfen läuft mir über die Wange. Ich sage Schweißtropfen, aber natürlich lüge ich. Ich bin keine bedrohte Art, weil ich lüge, aber das Lügen hilft mir zu überleben. Ich lüge mein ganzes Leben. Ich weiß nicht, was genau ich lese, eine historische Lüge, Beschreibungen von Wohlstand aus legendärer Vergangenheit, etwas über das Weströmische Reich. Satyricon von Petronius? Die Buchstaben sehen trüb aus, ich schwitze so sehr, dass ich sie nicht mehr klar sehen kann. Erbsengroße Schweißtropfen fallen auf das Papier. Mit dem Baumwolltaschentuch, das auf der Seite des Holztischchens liegt, trockne ich mir die Augen. Bevor es mir gelingt, mit dem Lesen fortzufahren, höre ich den Klang eines Motors, und Vilko kommt mit dem Boot zu meinem Haus. Niemand sonst besucht mich, nur er und ab und zu Višnja, seine Frau. Vilko hat mich überredet, dass ich mich manchmal mit meinem Boot zu ihnen begebe, aber ich bin eine Ratte, die das Deck verlassen hat, um zu überleben. Die Überflutungen haben mich ins Wochenendhaus getrieben. Sehr selten breche ich in die Stadt auf, um Dinge zu kaufen und dann kehre ich mit eingezogenem Schwanz zurück – ich fahre fort, das Leben mit Literatur zu kürzen, sofern es nur überhaupt möglich ist. Hauptsächlich halte ich mich auf der Veranda auf, von der ich die verbleibenden Wochenendhäuser und die Mülldeponie sehe, die nicht weit von der Ortschaft liegen. Sie schütten den Abfall schon nicht mehr hin, weil ihn das Wasser sowieso woandershin trägt. Momentan erstreckt sich hinter der Mülldeponie ein Regenbogen. Ich starre zu ihm. Ich muss etwas anschauen, um mich zu beruhigen.

Vilko kommt von der linken Seite, aber ich schaue weiterhin gerade vor mich hin. Das dreckige und feuchte Taschentuch habe ich auf den Boden geworfen. Ich habe es nicht geworfen, es ist mir aus der Hand gefallen, aber ich mag es mir vorzustellen, dass ich willentlich etwas tue, dass ich mich bemühe. Als Vilko den Motor abstellt, hört man ein leichtes Schwappen des Wassers an den improvisierten Anlegesteg, an dem er schnell und lautlos sein Boot festbindet. Ich sehe aus dem Augenwinkel, dass er einen Kasten mit etwas darin trägt, aber ich stehe nicht auf, um ihm zu helfen. Ich gehe ihm nicht entgegen, um ihn zu begrüßen. Ich hasse Menschen, sogar die, die ich als meine Freunde bezeichne. Eilenden Schrittes kommt Vilko an die Veranda.

»Hast du wieder geweint?« fragt er.

Er kommt immer gleich zum Punkt. Vielleicht bezeichne ich ihn genau deshalb noch immer als Freund.

»Das ist vom Schweiß«, lüge ich. »Es ist heiß.«

Der Kopf tut mir weh. Vilko stellt den Kasten vor meine Füße. Darin ist ein Laib Brot, etwas Schweineschmalz, Milch. Darunter ist noch etwas, aber ich rühre das Geschirrtuch, mit dem Višnja die Lebensmittel abgedeckt hat, nicht an damit die Fliegen nicht darauf landen. Ich zähle nur auf, was offensichtlich ist. Das, worauf ich immer zählen kann.

»Višnja lässt dir liebe Grüße ausrichten«, sagt Vilko.

Ich schweige. Ich bin überzeugt davon, dass er sich die Grüße nur ausgedacht hat.

»Sie konnte nicht kommen, weil sie arbeitet, aber sie hat dir einen Kuchen gebacken und schickt Honig aus Löwenzahn.«

»Wo hat sie den Löwenzahn gefunden?« frage ich überrascht.

»Auf dem Markt, bei der Frau, bei der sie ihn immer kauft.«

Der Mensch lügt, um zu überleben, sagte ich bereits, aber ich wiederhole, er lügt und lügt, meistens belügt er sich selbst. Und jetzt steht Vilko hier und lügt darüber, dass der Ort, an dem Višnja einkauft, ein weiterer Marktplatz ist, obwohl dieser Markt in keiner Verbindung zu dem steht, was wir als Markt bezeichnet haben. Ich sehe ihn an und beherrsche mich. Ich möchte nicht, dass mir wieder der Schweiß über die Wange läuft. Ich reibe mir nervös die Augen, sie jucken mich. Ich weiß, dass sie rot sind.

»Weine nicht«, sagt Vilko.

Er sagt nie etwas, um mich zu trösten, sondern nur, um sich selbst zu beruhigen. Wenn mir die Tränen kommen, kommen sie auch ihm, vielleicht nicht jetzt, aber wenn er wieder im Boot sitzt und zurück nach Hause fährt, wird er weinen. Er wird sich selbst eingestehen, dass es den Markt nicht mehr gibt, dass Višnja den Löwenzahn an einem Ort gekauft hat, der dem Marktplatz nicht ähnlich ist. Monokulturen, die Nahrung für uns sind, brauchen keinen Marktplatz. Er weiß das. Wenn Vilko jetzt nicht anfängt zu weinen, dann ist das nur ein Zeichen, dass er geweint hat, bevor er zu mir gekommen ist.

»Višnja schickt dir ein Buch«, sagt er, während er im Kasten wühlt.

Er schiebt mir den Titel in die Hände. Ich schaue mir an, was er mir gegeben hat. Nina Epton, Love and the French.

»Franzosen und Liebe. Das habe ich bereits.«

»Schade«, sagt Vilko.

»Wo hat sie es gefunden?« frage ich.

»Bei der gleichen Frau, bei der sie den Löwenzahn gekauft hat.«

Ich gebe ihm das Buch nicht zurück.

»Dieses Buch ist besser erhalten als meins, sag ihr danke.«

Ich sehe, wie es ihn freut, dass ich das Buch behalten werde.

»Sie weiß, dass du dieses Thema und das achtzehnte Jahrhundert magst.«

»Višnja weiß alles«, sage ich.

Vilko nickt, aber ich bin sicher, dass ihn mein zynischer Ton gestört hat. Er sitzt auf dem Stuhl neben meinem, obwohl ich ihn ihm nicht angeboten habe. Wir sind alte Freunde, er muss nicht mehr fragen.

»Sie hat auch ein paar Bücher über die Geschichte von Prostitution gefunden, aber die Einbände waren feucht, deshalb hat sie sie nicht genommen.«

»Das wären zu viele Bücher auf einmal gewesen.«

»Ich weiß, aber sie sagt du hast viele davon aufzuholen, weil du vor der Erderwärmung nicht gelesen hast.«

»Wie ich schon sagte, deine Višnja weiß alles.«

Absichtlich warf ich das „deine“ ein, um zu sehen, wie Vilko darauf reagiert, aber er sitzt und schweigt. Wir sitzen in Stille. Ich betrachte Višnjas und sein Boot. Sie haben es erneut umbenannt. Erst stand Višnja darauf geschrieben, dann haben sie es überlackiert und Albertina genannt. Jetzt heißt es nur noch „Boot“.

»Konntet ihr euch nicht auf einen Namen einigen?«

»Albertina ist ein schöner Name, aber ich bin nicht sicher, ob er dieser Klapperkiste gerecht wird.«

»Boot?«

»Das war Višnjas Idee.«

»Natürlich« sage ich.

»Du kennst sie und ihren Sinn für Humor.«

»Er war schon immer fürchterlich«, antworte ich.

Wir schauten zur Mülldeponie. Ich wusste, dass wir uns nicht die ganze Zeit nur über Višnja unterhalten können. Es sollte sich zeigen wer von uns beiden als erstes die Kraft sammeln wird, um das Thema anzusprechen, weswegen Vilko gekommen ist. Für die Lebensmittel konnte ich auch allein losgehen. Es ging um etwas Größeres, etwas sehr viel wichtigeres. Vilko zuckte angespannt mit seinem Bein. Das tat er immer, wenn er nervös war. Er brauchte etwas Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. Ich hatte ein Jammern erwartet, aber er überraschte mich. Seine Stimme war aufgeregt, nahezu fröhlich.

»Ich denke, wir sind nah dran«, sagt er. »Noch ein paar Wochen und die Maschine wird fertig sein.«

»Machst du Witze? «

»Višnja hat die ganze Nacht am Programm gearbeitet. Deshalb ist sie nicht gekommen. Fink und Gmaz sind bei ihr. Noch ein bisschen und dann ist es uns gelungen.«

»Bist du dir sicher?«

Ich konnte meinen eigenen Ohren nicht glauben.

»Der Code, den du überarbeitet hast, funktioniert.«

Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich erinnerte mich an die Zahlenfolge, die ich auf ein Stück fettiges Papier geschrieben hatte, in dem mir Višnja Speck eingewickelt hat. Meine Schriftzüge waren in Schönschrift, aber die Reihen des Codes unaufmerksam geschrieben, klangen wie Albertina, schön aber viel zu unangebracht für die Situation, in der wir uns befanden. Ich weiß nicht, woher mir die Erleuchtung überhaupt gekommen ist. Selten hatte ich in letzter Zeit den Computer eingeschaltet. Ich wollte nicht Tag und Nacht auf das Programm sehen, welches Gmaz und Višnja geschrieben haben. Es kam mir schwerfällig vor, ebenso wie es der versunkene Balkan gewesen war: Eine Perle hier und dort, alles Übriggebliebene ist überschwemmendes und stinkendes Wasser, worauf der Müll schwimmt. Ich schaute jetzt in dieses Wasser, überrascht. Ich wusste nicht, was ich fühle. Sowohl Überschwemmungen als auch Rechenprogramme sind die Frucht des menschlichen Könnens. Wie konnten wir solche schönen und hässliche Dinge gleichzeitig tun?

Vilko hetzte mich nicht zu sprechen. Er wusste, dass ich unter Schock stehe. Mit meinem Blick fixierte ich eine rote Ankerboje, die mir jemand aus der Verwandtschaft in einem Paket mit einem Fischernetz, Köder und Angelrute geschickt hat. Der Wasserpegel war höher als zuvor, und ich wachte oft auf, erschreckt von dem Brausen. Ich fürchtete von da an, dass der Wasserstand lautlos ansteigt und dass er uns alle im Schlaf überschwemmt. Es war die Frage, ob es mir gelungen war, den Teil von Gmaz‘ Code zu verbessern, weil ich erschrocken war, wie ich zu Višnja zuerst behauptet habe, oder weil ich um jeden Preis zum verlogenen Gefühl der Sicherheit zurückkehren wollte. Ich starrte auf die Ankerboje und das Wasser als schaute ich weit in die Zukunft. Ich vermied mein eigenes Spiegelbild im Wasser, weil mir außer Überschwemmungen nur das menschliche Abbild unheimlich war. Meine Gedanken irrten, ich wusste nicht was ich sagen soll. Ich wollte nicht über Vilkos Worte nachdenken. Sie waren zu bedeutsam. Ich dachte zum Beispiel lieber darüber nach, warum ich früher nicht gerne ans Meer gegangen war und es jetzt bis zu meinem Haus gekommen ist. Ich wusste nicht mal, wie man angelt. Es gab auch fast keine Fische. Die auf die Veranda geworfene Angelausrüstung erinnert mich nur noch mehr daran, dass ich ausgestattet bin, aber dennoch habe ich Rute und Netz aufbewahrt. Ich habe nichts mehr in den Müll geworfen, weil ich wusste, dass weggeworfene Sachen auf dem Wasser wieder zur Eingangstür zurückkommen würden. Der Mensch kann sich nirgends mehr vor seinen eigenen Fehlern verstecken.

»Ich dachte nicht, dass es funktionieren wird«, sagte ich Vilko nach langem Schweigen. Ich war davon überzeugt, dass es das nicht tun würde.

Vor dem Hochwasser arbeiteten Višnja, Vilko und ich am Ruđer-Bošković-Institut. Ich beschäftigte mich mit theoretischer Physik, aber unter der Hand programmierte ich auch, weil meine Eltern das Geld liebten und sich wünschten, dass auch ich es so sehr liebte.

»Du tendierst zu sehr zur Abstraktion«, sagte meine Mama.

Sie wollte, dass ich mich für Wirtschaft und Management einschreibe.

»Geld ist im Geld«, fügte sie hinzu.

Papa stimmte zu.

»Hauptsache, sie hat sich nicht für Humanistik eingeschrieben«, sagte Mama der Verwandtschaft, während sie Schnaps brannten.

Traditionelle Werte wurden auf dem Balkan immer geschätzt. Meine Eltern waren keine Ausnahme. Familie, Geld und Rakija. Der Rakija wurde immer bei uns gebrannt, im Wochenendhaus, in dem ich letztendlich zwangsläufig alleine wohne. Oft dachte ich an die Obstbäume, die es nun nicht mehr gibt. An die Pflaumen-, Birnen- und Apfelbäume. Ganz besonders an die Kirschbäume. Die ganzen Schnapsvorräte, die meine Eltern auf dem Dachboden hinterlassen hatten für den Fall, dass ich heirate, habe ich, genau auf dieser Veranda sitzend, getrunken, mit wahnsinniger Angst vor dem Ertrinken. Trinkwasser konnte ich finden, aber Schnaps gab es nirgendwo mehr. Manchmal erinnere ich mich an meine Eltern, aber an Alkohol denke ich ständig. Die Erinnerung an Rakija trieb mich dazu, den Code auf das fettige Papier zu schreiben, schwitzend und müde. Der Schnaps fehlte mir schrecklich. Der Friedhof, auf dem meine Eltern begraben wurden, stand unter Wasser. Der Balkan stand unter Wasser. Das, was meinen Kopf über Wasser gehalten hat, war der Gedanke an den Višnjevac, den Schnaps, der gleichzeitig bitter und süß war wie das Leben, wie das menschliche Wesen. Wenn der Rakija gut gebrannt war, bekam man von ihm keine Kopfschmerzen. Ich wollte mich betrinken, alles vergessen, zumindest für den Moment. Ich sah die Mülldeponie Tag für Tag. Ich sah die Folgen. Ich wollte mich von ihnen distanzieren.

»Wie viele von uns können gleichzeitig in der Maschine sitzen?« fragte ich Vilko.

»Wir fünf. Fink und Gmaz können im hinteren Teil sitzen.«

»Vorher gab es nicht genug Platz für alle«, sagte ich.

»Ich weiß“, antwortete Vilko, „aber Višnja hat die Kontrolltafel versetzt und überflüssige Paneele ausgebaut. Wenn sie zusammenrücken, passen beide rein.«

»Und ich?«

»Für dich gibt es immer Platz.«

»Bist du dir sicher?« fragte ich.

Vilko sah mich an. Er erkannte meine Sorge.

»Višnja wird nicht widersprechen. Du hast ihr viel beim Code geholfen.«

»Ich weiß, aber…«

»Kein aber«, sagte Vilko.

»Es gibt immer ein aber“, korrigierte ich ihn. „Besonders bei Višnja.«

Die letzte Flasche Schnaps trank ich vorletztes Jahr. Ich durchwühlte den ganzen Dachboden, um eine verlorene oder vergessene Flasche zu finden, die vielleicht unter Mamas alte Möbel gerollt war, aber ich konnte keine finden. Višnja und Vilko tranken nie, sie wollten bei klarem Verstand sein, nüchtern den menschlichen Untergang bezeugen. Sie waren weit edlere Leute als ich. Wissenschaft musste immer edel sein, aber ich beschäftigte mich mit abstrakten Ideen, denen Edelmut nicht allzu viel bedeutete. Ideen sind schlechthin Vergangenheit. Die Idee des Fortschritts, zum Beispiel. Ich war schon immer für die Idee des Fortschritts, egal welcher Art. Immer wollte ich vorwärts gehen. Ich kümmerte mich nicht um das Geld, zumindest nicht auf eine Weise, wie sich das meine Eltern gewünscht hatten, aber ich liebte es, weil der Fortschritt eng mit der Idee des Geldes verbunden war. Jede meiner abstrakten Ideen war eingespannt in die Realität des Geldes. Ich scheiterte als Wissenschaftlerin, aber verwirklichte mich als Programmiererin. Ich verdiente Geld für andere, aber dann nur für mich selbst. Ich kaufte Immobilien, investierte in unterschiedliche Fonds und Firmen. Am Ende hatte ich so viel Geld, dass der Betrag auf meinem Bankkonto für Vilko und Višnja völlig unvorstellbar war. Dieses Geld hat keine Beziehung zur Wissenschaft, aber erhöhte die Temperatur der Luft um anderthalb Grad Celsius und vernichtete mein Leben. Was Menschen als abstrakt ansahen, wurde sehr konkret, als es anfing ihr Leben zu belangen.

»Als es anfing dein Leben zu belangen«, würde Višnja mich korrigieren.

»Ich erinnere mich«, sagte ich zu Vilko abwesend, »an die Kirschbäume, die meine Eltern vor dem Haus hatten. Ihre Blüten waren wunderschön, weil Papa die Obstbäume immer sorgfältig beschnitt. Dieser Baum fehlt mir am meisten.«

Er hat diese Geschichte schon so viele Male gehört, dass er sie auswendig kann, aber er unterbrach mich nicht. Er spürte, dass ich in eine meiner nostalgischen Launen fiel, aus der man mich nicht herausziehen konnte.

»Es ist schwer vorzustellen, dass es hier gewesen ist, ein paar Schritte weiter von uns. Und schau es dir jetzt an!«

Ich winkte mit der Hand zur Mülldeponie.

»Guck!«

»Ich sehe es«, sagte Vilko, aber er blickte nicht hin.

Višnja war bewegt, als ich ihr das erste Mal diese Geschichte über meinen Vater und den Obstbaum erzählte, wahrscheinlich wegen der Symbolik ihres Namens, aber dann erkannte sie, dass ich heimlich weiterhin Rakija vom Dachboden trank und kam mich nicht mehr besuchen, um nicht meinen Jammer über bessere Zeiten hören zu müssen.

»Die Folgen der globalen Erwärmung kümmern dich gar nicht«, sagte sie mir einst wütend. »Dir tut es nur leid, dass du diese Brühe nicht trinken kannst, die uns umgibt und dich nicht an ihr besaufen kannst.«

Ich hatte ihr nicht widersprochen. Seitdem kam Vilko nur noch allein. Er benachrichtigte mich über den Fortschritt und den Bau der Maschine. Ich nahm es Višnja nicht übel. Sie kam selten, nur wenn sie mich persönlich nach einem wichtigen Detail fragen musste. Sie bat mich um Rat, ich half ihr, aber sie hielt sich nie auf. Sie blieb nie wie Vilko auf der Veranda sitzen und schaute nicht den Regenbogen über der Mülldeponie an. Višnja war nicht sehr sentimental. Man konnte sehen, dass sie den Trost nie im Alkohol suchte. Sie konnte mich nicht verstehen.

»Mir ist das noch immer unverständlich«, sagte Vilko, »wie es dir einfach so gelungen ist, das wichtigste Problem mit einem Filzstift auf einem fettigen Papier zu lösen.«

Allen erzählte ich, dass mir der Einfall durch einen Geistesblitz kam, unbewusst, aber das war natürlich auch nur eine Lüge gewesen. Diesen ganzen Tag hatte ich am Computer gesessen und mir auf der Unterlippe herumgebissen. Ich tüftelte am Code von Višnja und Gmaz herum, den mir Vilko zusammen mit dem Deodorant und dem Spray gegen Mücken gab. Ich sah den Umriss ihrer Idee. Leicht konnte ich ihren Ansatz verstehen, über den sie mir nur beiläufig erzählt hatte. Nie wollte sie mir die ganze Software zeigen, sie brachte mir nur problematische Teile davon, für die sie Hilfe brauchte. Sie vertraute mir nicht. Ich konnte Vilko kaum überreden, sie mir zu kopieren und sie mir ohne Višnjas Wissen zu bringen.

»Ich bin mir nicht sicher, ob das eine schlaue Idee ist«, sagte er anfangs.

»Natürlich ist sie das nicht, aber meine Hilfe ist euch unentbehrlich.«

Er wusste, dass ich recht habe. Fink und Vilko waren Ingenieure. Gmaz war Programmierer, aber er war nicht kompetent. Višnja hat alles Mögliche erledigt.

»Du musst es ihr nicht gleich sagen«, überzeugte ich Vilko.

»Ich muss es ihr sagen, ich belüge sie nie. Niemals.«

»In Ordnung, aber sag es ihr erst, wenn ich den Code aufgeschrieben habe.«

Am Ende zeigte mir Vilko den Entwurf der Maschine. Die eine Hälfte der Konstruktion hatten sie heimlich am Institut gefertigt und die andere Hälfte in Višnjas Garage, aus gestohlenen Teilen von Bakićs experimentellen Denkmälern und Skulpturen.

»Wenn sie euch dabei erwischen, wie ihr Vojin Bakić zerstört, werdet ihr euren Job verlieren. Ihr beide.« sagte ich.

»Sie haben ihn schon vorher zerstört. Sie haben Tafeln von Denkmälern in Petrova Gora genommen, und nichts ist passiert.«

»Das war früher«, sagte ich. »Jetzt sind andere Zeiten.«

»Wir haben es für ein höheres Ziel gestohlen«, rechtfertigte sich Vilko.

Für ein höheres Ziel“ ist ein sehr schäbiger Ausdruck. Edelmut und höheres Ziel sind alles blöde Ideen, die sogar in der Literatur, die ich in letzter Zeit verschlungen habe, nicht als übertrieben intelligent oder inspirierend dargestellt wurden. Die Güte ist überschätzt. Besonders in der Wissenschaft. Auf der anderen Seite, das was ich empfunden habe, ist kein bisschen schäbig. Ich wollte das Programm nach meinen eigenen Maßstäben zu Ende schreiben, mich in die Maschine setzen und schließlich von hier aufbrechen. Meine Gefühle haben die Reise verdient, die Višnja egoistisch für sich und ihre Freunde beanspruchen wollte.

»Ich gebe dir 24 Stunden«, sagte Vilko, »aber dann muss ich ihr sagen, dass ich dir die einzige Kopie gegeben habe. Verarsch mich nicht.«

»Das werde ich nicht«, versprach ich.

Wenn ich sehr traurig war und Vilko nicht in Sicht, würde ich mich ins Boot setzen und zur Besichtigung der Wochenendhaus-Siedlung fahren. Die meisten meiner Nachbarn waren aus der Umgebung Zagrebs weggezogen. Ich weiß nicht, wohin sie gegangen sind. Nur ein paar wenige von ihnen sind geblieben. Sie waren gute Freunde meiner verstorbenen Eltern. Vor der Erderwärmung hatten alle identische Gärten und Obstbäume. Sie feierten Ostern und Weihnachten. Sie aßen Pute und Mlinci. Ein paar stellten schlechten Wein her, manche Honig, aber die meisten brannten ihren eigenen Schnaps in einer Destille. Wenn sich die Nachbarn wegen etwas an meine Eltern erinnerten, dann wegen ihres Rakijas. Und Mama konnte sich damit rühmen, dass ich mich nicht für Humanistik eingeschrieben habe, weil ich intelligent bin.

»Sie wird Geld haben«, sagte sie.

Mama wusste nicht, dass ich Geld, aber dafür keine Zukunft haben werde. Sie konnte diese zwei Dinge nicht verknüpfen, weil sie ihren Kopf nicht mit Abstraktionen zerschlagen wollte. Sie konnte nicht verstehen, dass abstrakte Ideen konkrete Folgen haben.

»Das Geld erhitzt die Umwelt«, sagte ihr Višnja, aber es war zu spät.

Višnja war immer in den ersten Reihen aller Demonstrationen. Als die Vögel anfingen auszusterben, auch die häufigen Arten, die wir ganz selbstverständlich für gesund hielten, schrieben Vilko und sie als erste Protestbriefe an das Institut und versuchten, dass Ruđer Bošković hinter dem Umweltschutz steht.

»Ihnen muss mehr Geld gegeben werden«, schrieben sie.

Ich verspottete sie auf der Arbeit deswegen.

»Hast du nicht gesagt, dass Geld ein Problem ist? Und jetzt verlangst du mehr?«

»Kein Grund zynisch zu sein«, antwortete sie.

Aber (das ewige aber), ich konnte nicht anders sein. Ich war Zynikerin. Das war ein willentlicher Beschluss. Das war mein Charakter. Ich investierte alles in spöttische Kommentare, mit denen ich Kollegen auf der Arbeit und Fremde im Internet überschüttete. Ihnen gegenüber war ich am zynischsten.

»Du schweigst schon wieder«, sagte Vilko.

Ich hatte vergessen, dass ich ihm nicht geantwortet hatte. Meine Gedanken waren aufgeregt um die Maschine geirrt.

»Wo habt ihr sie abgestellt?«

»Was?« fragte Vilko.

»Die Maschine.«

»Sie ist in der Garage. Wir mussten sie aus dem Institut auslagern.«

»Kann ich sie sehen?«

»Jetzt?«

Vilko war überrascht. Noch nie zuvor hatte ich verlangt sie zu sehen.

»Falls das kein Problem ist. Wirst du es Višnja sagen?«

Vilko griff nervös in seine Hosentasche und fand kaum sein Handy. Er rief Višnja an. Ich hörte nicht, was sie sagte.

»Višnja sagt, dass gerade viel in der Garage los ist, aber du kannst morgen kommen.«

»Das ist gar kein Problem«, sagte ich.

Als Vilko abgefahren war, setzte ich mich in mein Boot und fuhr ihm nach. Er war gedankenverloren und nahm nicht wahr, dass ich hinter ihm herfuhr. Ich schaltete den Motor aus, um leiser zu sein. Er fuhr weder in die Garage noch ins Institut, sondern weiter zum Haus von Gmaz. Ich erkannte die Fassade. Fink öffnete ihm die Tür. Bevor Vilko ins Haus eintrat, sah ich, dass er Müll mit dem Fuß wegtrat, der zur Haustür dümpelte.

»Du kannst nicht nur Literatur lesen, von der du weinst«, sagte mir Višnja als ich sie am nächsten Tag sah.

»Du hast recht«, antwortete ich ihr. Manchmal vergesse ich, wie sentimental ich bin.

»Daran ist deine Mutter schuld.«

»Du musst sie nur noch für die globale Erwärmung beschuldigen«, sagte ich.

»Auch da hätte ich nicht unrecht. Sie hatte gelacht, als ich gesagt habe, dass sie den Abfall sortieren sollte.«

»Sie kannte es nicht anders.«

»Jetzt kommt ihr unsortierter Abfall vor dein Wochenendhaus, um dich zu vertreiben«, sagte Višnja.

Sie war gut drauf.

»Danke dir für den Kuchen und den Honig«, sagte ich.

»Vilko sagt, du hast das Buch über die Liebe schon.«

»Das stimmt, aber es ist in Ordnung.«

Ich wollte nicht über die Liebe reden, vielmehr über Maschinen. Eher gesagt über die eine Maschine. Višnjas Maschine. Als ob sie es gewusst hätte, schnitt Višnja das Thema nicht an. Sie erzählte über alles mögliche, nur damit sie nicht zur Sprache kommt. Zu meinem großen Glück kehrte gerade Gmaz mit den Teilen zurück, die er an der Steuerkonsole montieren wollte. Er wollte schnell durch die Küche huschen. Ich stellte ihm eine Frage, bevor er weiter entkommen konnte.

»Ist das ein Teil einer Schnellboot- Steuerkonsole?« fragte ich.

»Mhm«, sagte Gmaz.

Werder er noch Fink waren übermäßig redefreudig. Im Vergleich zu ihnen war ich redesüchtig.

»Brauchst du Hilfe damit?«

Ich wollte die Maschine sehen, aber Višnja würde sie mir nie zeigen.

»Du bist kein Ingenieur«, sagte er.

Višnja hatte nichts gesagt, aber ich sah, dass sie ihre Hand auf die Stuhlkante presste. Ich vermieste ihre Laune.

»Wo ist Vilko«, fragte sie Gmaz.

»In der Garage«, antwortete er. »Er wartet auf dieses Teil. «

Gmaz hob die Konsole in die Luft. Er hielt sie lange genug über den Kopf, sodass ich die Kontrollnummer des Modells gut lesen konnte. Ich merkte mir die Nummer und ging zu ihm in die Garage, wo die anderen auf ihn warteten. Bevor wir hinter der Tür verschwanden, sah ich, dass mich Višnja aufmerksam beobachtete. So wie ich die Steuerkonsole las, las Višnja mich. In diesem Moment fühlte ich mich wie ein Stück Plastikmüll, den Mama sich weigerte zu sortieren, als sie noch lebte.

In der Garage saß Fink am Computer und überprüfte detailliert irgendeine Rechnung. Vilko verband Drähte in der Maschine.

»Ich habe es gefunden!« rief Gmaz.

»Super!« sagte Fink.

Vilko streckte nur seine Hand aus, aber Gmaz stellte die Konsole dennoch auf den Arbeitstisch.

»Višnja muss es zuerst ansehen. Wir können es nicht sofort auseinandernehmen und montieren.«

»Du hast recht«, sagte Vilko.

Er kam unter der Maschine hervor und als er mich erblickte, konnte er seine Überraschung nicht verstecken.

»Weiß Višnja, dass du hier bist?«

»Wir haben uns eben in der Küche unterhalten.«

»Dann ist es in Ordnung«, sagte Vilko.

Ich setzte mich neben Fink. Es interessierte mich, was er da genau machte.

»Was ist das für eine Berechnung?« fragte ich.

Er wollte nicht antworten.

»Warum verschweigt ihr mir etwas?«

Ich wollte meine Frage wie einen Witz ausrufen, aber der Ton war ernst.

»Das habe ich ihnen so aufgetragen«, hörte ich Višnjas Stimme im Rücken.

»Du vertraust mir nicht?« fragte ich sie.

Die Antwort kannte ich bereits. Immerhin hatten wir jahrelang zusammen gearbeitet.

»Kein bisschen«, antwortete sie.

»Es gibt keinen Grund dafür, dass du misstrauisch bist. Ich habe mich verändert. Ich lese jetzt Bücher.«

Višnja fing an zu lachen.

»Die Erderwärmung hat die Arktis geschmolzen, aber dein Gesicht wird es niemals tun.«

Ich tat so, als hätte ich diese Beleidigung nicht gehört. Višnja hatte recht. Mein Gesicht sah sogar auch verheult gleich aus. Nichts konnte es erweichen. Ich sah aus wie eine Verbrecherin. Das wusste ich.

»Die Genetik ist schuld«, sagte ich.

»Sieh dir das an«, sagte Vilko zu Gmaz.

Er wollte die Auseinandersetzung unterbrechen. Als ich den Kopf drehte, war Višnja nicht mehr in der Garage. Ich berief mich auf die Genetik, weil das ebenfalls ein Teil des balkanischen Erbes ist: Genetik, Geld und Rakija. Višnja fürchtete ein Gespräch mit meinen Eltern, wenn sie in der Studienzeit zu mir kam. Sie hatten es immer geschafft, dieselben Themen anzusprechen. Nach der Behauptung meines Vaters, dass ich schön wie Mama, aber klug wie er sei, rollte Višnja mit den Augen. Ich habe ihre Eltern nie kennengelernt. Ich wusste auch nicht, woher sie kam.

»Bist du eigentlich von hier?« fragte ich sie.

»Das ist nicht wichtig«, sprach Višnja.

Aber es war wichtig. Deshalb verbarg sie es.

Niemand traute sich, die Konsole zu montieren, bevor Višnja zurückkam. Ich bot ihnen an, dass ich mit Gmaz die Software durchgehe und mir die Stellen anschaue, an denen sie Zweifel haben, aber sie lehnten meine Hilfe ab. Ich saß fünfzehn Minuten lang in kompletter Stille. Auch Vilko sagte nichts zu mir. Ich stand auf und ging. Višnja war nicht in der Küche, um mich zu verabschieden.

Auf dem Rückweg schaute ich bei dem Nachbarn vorbei, der die Schnellboote und Motorboote verkaufte. Auf einem Stückchen Papier schrieb ich die Zahlen der Konsole auf, die Gmaz gefunden und die ich mir gemerkt hatte.

»Ich werde einige Tage brauchen«, sagte der Nachbar, »aber es sollte kein Problem darstellen.«

»Danke dir«, sagte ich.

»Und danke dir«, antwortete er.

Die von ihm gegründete Firma, machte auch vor dem Hochwasser gute Geschäfte und war jetzt essenziell für die Menschen. Er verdiente sein Geld mit den Problemen anderer. In ihn habe ich viel Geld investiert. Es hat sich ausgezahlt.

»Geht es dir gut?« fragte mich Vilko, als er mich das nächste Mal besuchte.

Wir hatten uns die ganze Woche nicht gehört.

»Es gab schon bessere Tage«, sagte ich.

Der Nachbar hatte die Konsole beschafft. Ich musste sie nicht bezahlen. Es hat bisher keinen besseren Tag gegeben, aber das musste Vilko nicht wissen.

»Du kennst Višnja«, sagte er. »Sie ist nachtragend.«

Nachdem ich angefangen hatte, mit dem Programmieren gutes Geld zu verdienen, bat mich Višnja etwas von dem Geld in das Institut als eine Art Spende umzuleiten, weil sie sich mehr dem Studium der Theorien widmen wollte, die nicht lukrativ waren. Die Ideen, die auch für die theoretische Physik zu abstrakt gewesen waren, endeten auf den Schubladenböden des Rechnungswesens. Višnja dachte nicht wirtschaftlich und deshalb war sie für das Institut nicht rentabel. Ich hätte ihr helfen können, wollte es aber nicht. Wir beide wussten warum.

»Du musst verstehen, dass ich zu dieser Zeit nicht daran geglaubt habe, dass die Zeitmaschine möglich ist«, sagte ich zu Vilko.

»Du musst dich nicht rechtfertigen«, sagte er.

»Višnja wird nicht erlauben, dass ich mit euch reise.«

»Das wird sie. Mach dir keine Sorgen.«

»Sie ist misstrauisch. Ich verstehe nicht warum.«

»Sie denkt, dass du uns sabotieren wirst.«

»Sei nicht albern«, sagte ich zu Vilko. »Keiner will mehr von hier verschwinden als ich.«

»Ich weiß, aber Višnja glaubt, dass du uns nicht helfen willst und dass du den wertvollen Platz besetzen wirst, auf dem ein Biologe oder Experte sitzen könnte, der die jugoslawische Öffentlichkeit auf die globale Erwärmung 2040 hinweisen würde.«

»Alles, was ich ihr gesagt habe, ist, dass ich nicht sicher bin, ob irgendjemand von der Kommunistischen Partei Jugoslawiens Verständnis für Zeitmaschinen und globale Erwärmung aufzeigen wird.«

»Wir müssen es versuchen«, sagte Vilko.

»Aber warum ausgerechnet ins Jahr 1964, und gerade nach Jugoslawien? Warum nicht in die USA? Warum nicht ein Jahr später? Die Menschen hatten damals nicht mal Internet.«

»Kommunisten sind Avantgarde. Jugoslawien ist blockfrei. Višnja fürchtet, dass es in falsche Hände fallen könnte. Sie will zu Kardelj und Krleža kommen.«

»Višnja ist ein Dummkopf!« rief ich.

»Es gibt nichts Verwerfliches in ihrer Absicht. Vergiss nicht, dass die Maschine zum Teil von Bakić geschaffen wurde. Er wird als erster die polyvalenten Formen wiedererkennen, die er in diesen Jahren erforscht und erschaffen hat.«

»Sie wird echt auf die Suche nach einem Künstler gehen, damit er ihr im Kampf gegen die globale Erwärmung hilft? Als ob Humanisten dabei helfen können. Dass ich nicht lache.«

Višnja war alles, nur kein Dummkopf. Das würde ich aber nie zugeben. Alles, was Vilko gesagt hatte, machte Sinn, aber ich hatte andere Pläne. Jetzt, wo ich diese Steuerkonsole beschafft hatte, welche sie für die Reise zu benutzen wollten, konnte ich endlich entspannen. Ich schlief besser. Ich hatte keine Albträume mehr, in denen ich ertrinke. Ich empfand einen Taumel, den ich vorher nur vom süßen und klebrigen Kirschschnaps kannte.

»Sie will für uns alle nur das Beste«, sagte Vilko.

»Ich bin mir nicht sicher, ob Višnja die Person ist, die darüber entscheiden sollte, was für mich am besten ist. Ich bin sicher, dass es am Institut Leute gibt, die eine andere, verantwortungsbewusstere Entscheidung getroffen hätten.«

Vilko stand abrupt auf. Er verstand meine Drohung.

»Ich sagte dir, dass du mit uns gehst. Das ist Višnjas Lebenswerk. Das kannst du nicht leugnen.«

»Sag ihr, dass ich mir einen Platz in der Zeitmaschine wünsche. Ich will von hier weg.«

»Hättest du Miroslav Krleža gelesen, würdest du uns besser verstehen«, sagte mir Vilko bei der Abfahrt.

Es war schon längst dunkel, als mich Višnja anrief.

»In Ordnung, du kannst mit uns kommen«, sagte sie.

Eine Erpressung funktioniert immer. Sogar wenn ich nüchtern bin.

Die ersten ernsthaften Überschwemmungen fingen im Jahr 2014 an. Staudämme aus der Zeit Jugoslawiens wurden nicht gepflegt, Menschen gruben und entfernten Sand illegal mit Baggern und verwüsteten die Ufer, hinter denen die Häuser dem Fluss Sava ausgesetzt waren. Die Italiener töteten illegal geschützte Vogelarten mit geliehenen Gewehren und schmuggelten sie über die Grenzen zurück nach Italien. Die Abholzung der Wälder verstärkte sich. Grünflächen wurden übermäßig betoniert und das Wasser konnte nirgendwohin ablaufen. Ich erinnere mich sehr gut daran, weil Višnja nicht aufhörte, darüber zu sprechen, was passieren würde, wenn die Menschen sich nicht änderten. Sie prognostizierte eine Katastrophe. Alle Experten der Welt stimmten ihr zu, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt meinen Vater begraben und es hat mich nicht interessiert. Ich will die Menschen nicht rechtfertigen, aber Tatsache ist, dass wir nicht immer über die großen Probleme nachdenken können, wenn uns eine private Trauer bedrückt. Mein größtes Problem war meine Mama, nicht die globale Erwärmung. Višnja las ein Jahr später fieberhaft den UN-Bericht darüber und erzählte weiter, was passieren würde, wenn wir nicht die Kohlenstoffdioxid-Emissionen verringerten. Am Ende schickte sie das allen aus der Mailingliste des Instituts. Die Menschen fingen an, sie misstrauisch anzuschauen. Sie wollten ihr Geld verdienen, an der Adriatischen Küste Urlaub machen. Sie wollten nicht darüber nachdenken, dass ihnen das Meer möglicherweise bis zur Haustür ansteigt. Eine solche Lösung klang wie Science-Fiction.

»Die Arktis schmilzt“, sprach Višnja zu ihren Kollegen. „Wir werden ohne Dalmatien und Istrien dastehen. Wir werden ohne Küste dastehen.“

Aber was weiß ich über Eisschollen, wenn ich eine Mutter habe. Auf der Arbeit trug ich immer einen Flachmann mit meinem geliebten Kirschschnaps. Die theoretische Physik half nicht, das Programmieren half nicht, ich stumpfte sogar dem Geld gegenüber ab. Vilko und Višnja führten mich ein paar Male ins Restaurant aus, sie zahlten das Abendessen, obwohl ich viel mehr Geld hatte. Sie waren gute Menschen, aber das alles half nichts. Als ich über Višnjas Zeitmaschine grübelte, dachte ich daran, dass kein Punkt in der Raumzeit existiert und der weit genug entfernt ist, um vor all meinen Problemen fliehen zu können. Vielleicht hilft irgendeine Singularität, dachte ich und trank den Rakija aus. Egal, ich wollte Višnja kein Geld für die Forschung geben.

Wenn ich Vilko richtig übers Telefon verstanden habe, müssen wir uns in drei Tagen auf den Weg ins Jahr 1964 machen. Die Verbindung brach ab und ich musste ihn erneut anrufen.

»Der Computer funktioniert nicht richtig«, sagte er.

Ich hörte Lärm im Hintergrund. Es sah so aus, als ob Višnja in diesem Moment den Sicherheitsgriff und die Konsole überprüfte.

»Was soll ich mitnehmen?« fragte ich.

»Nichts außer Wasser«, sagte Vilko.

In den nächsten drei Tagen fertigte ich eine eigene Konsole an und überprüfte die Fernbedienung. Die Tasten funktionierten und ich übte sie mit den Fingern. In dem Moment, in dem Višnja das Jahr, welches sie besuchen will, eingibt, müsste ich sehr schnell reagieren und ihren Eintrag korrigieren. Ich war nicht sicher, ob eine Autorisation eingestellt war. Eigentlich war ich sicher, dass sie es ist, weil sie mir weiterhin nicht vertraute. Zumal jetzt, als sie mit meinen Drohungen konfrontiert war. Ihrer Ansicht nach bedeutete das Jahr 1964 unser Überleben, aber ich glaubte keinen Menschen, die nicht lügen. Menschen, die nicht lügen und herumdrucksen, wollen nicht um jeden Preis überleben. Višnja hatte Skrupel, aber das war meiner Meinung nach eine große Schwäche. Das Überleben verlangt das Schlimmste von uns. Natürlich passte ich auf, dass Vilko nicht ahnt, dass ich etwas plane, denn er würde es sofort Višnja oder auch dem Rest mitteilen. Sie glaubten weiterhin, dass Wissenschaft edel sein muss.

Während ich an der Konsole arbeitete, hatte ich gar keine Zeit, etwas zu lesen, obwohl mich Vilko mit der Erwähnung von Krleža neugierig gemacht hat. Inzwischen war es zu spät, dass ich ihn entdecke und lese. Višnja glaubte nur an ihre Art von Fortschritt, die keinen Bezug zu Geld hatte, also vermutete ich, dass dieser Autor, dieser Miroslav Krleža, ebenfalls ihren Glauben teilte. Ich wusste nicht, wer der andere Kommunist war, den Vilko erwähnte. Kardelj irgendwas, aber das war mir nicht so wichtig.

Ich zerteilte die Konsole, weil sie zu sperrig war, und die wichtigsten Teile packte ich in ein viel kleineres Gehäuse, das ich einfach im Ärmel verbergen konnte, damit sie es nicht sehen. Auf dem Computer hatte ich die Kopie des Programms, das Višnja für die Zeitmaschine geschrieben hatte. Es fiel mir nicht schwer, dieses an meinen eigenen Plan anzupassen. Wir hatten Probleme mit den Überschwemmungen, aber mit der Technologie sind wir weit gekommen.

»Du kannst kommen«, sagte Vilko am Telefon drei Tage später.

Bevor ich mich ins Boot setzte, schaute ich mich um. Ich wollte mir bis ins kleinste Detail diese Zukunft einprägen, die ich ein für alle Mal verlasse. Statt des Wassers nahm ich die Konsole und ein Familienfoto mit, auf dem Papa, Mama und ich zwischen den Obstbäumen im Garten standen. Links neben Vater fing ein Kirschbaum an zu knospen, der Lieblingsbaum unserer Familie.

Als ich an der Garage ankam, waren bereits alle startklar und aufgeregt. Sie konnten nicht probeweise reisen, da sie nicht wussten, ob sie genau an diesen Moment zurückkehren können, an dem sie gestartet sind. Die Zeitmaschine war in dieser Hinsicht nicht allzu vertrauenswürdig, aber Višnja behauptete, dass die Reise durch ein Wurmloch genauso real ist, wie die globale Erwärmung. Alle hatten in sie absolutes Vertrauen. Sie wusste, was sie tut.

»Wir haben nur eine Chance«, sagte sie. »Jede Reise nach dieser wird zufällig +/- 300 Jahre sein. Vielleicht sogar mehr. Die Koordinaten, die ich eingetragen habe, sind ein Sicherheitsnetz, aber auch sie garantieren uns nichts.«

Ich schloss kurz die Augen und stellte mir vor, wie sich der Raum so windet, wie es ihm die Zeitmaschine sagt, und die Zeitmaschine so reist, wie es der Raum will.

»Bist du bereit?« fragte mich Višnja.

»Bin ich«, log ich.

Fink und Gmaz saßen, wie Vilko sagte, auf dem Boden der Zeitmaschine. Über ihren Köpfen ragte ein Stück von Bakić hervor. Višnja saß am Kontrollboard. Vilko saß rechts von ihr, ich links. Ich saß mit dem Rücken zu ihr.

»Testlauf, 1 2 3«, sagte sie laut.

Ich hörte sie die Tasten drücken und den Sicherheitsschalter umlegen. Ich vermutete, dass die Zeitmaschine mit dem Daumendruck entsperrt wurde. Danach sah ich auf meiner eigenen klappbaren Miniatur-Konsole, die ich mit ihrer synchronisierte, dass Višnja den ersten März 1964 eingegeben hat. Vilko hatte mir erklärt, es sei wichtig, dass wir im Jahr 1964 landen, vor dem Zusammentreffen des 8. Kongresses der SKJ in Belgrad, auf dem die jugoslawischen Kommunisten den Fünfjahresplan 1961-1965 verabschieden und die „große Wirtschaftsreform“ ankündigen sollten, mit der sie die jugoslawische Gesellschaft für die Marktwirtschaft und den Kapitalismus öffneten.

»Unsere Probleme beginnen im Dezember 1964«, sagte er. »Wir müssen Edvard Kardelj die Folgen aufzeigen. Er muss sie sehen.«

Er dachte an die hohe Rate der Arbeitslosigkeit, aber in Višnjas Gedanken war alles verbunden: freier Markt, wirtschaftliche Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, Inflation, globale Erwärmung. Sie sah immer das größere Bild. Das Bild, das ich hingegen ständig vor Augen hatte, war das Familienfoto. Wir saßen in der Zeitmaschine aneinander gequetscht, aber es teilten uns Lichtjahre. Es war uns nicht möglich uns ideologisch zu versöhnen. Vilko war ein Dummkopf, dass er versuchte, uns zusammenzuhalten. Er war ein Dummkopf, weil er mir vertraute.

Bevor es ihr gelang die Zeitmaschine zu starten, änderte ich auf meiner Konsole das Datum auf 1740. Auf ihrem Bildschirm zeigte sich die veränderte Anzeige nicht schnell genug. Die Verzögerung war erfolgreich und Višnja drückte den Knopf, der uns ins Zagreb des Jahres 1964 zurückbringen sollte.

Als erstes stieg Gmaz aus der Zeitmaschine. Er übergab sich natürlich, weil uns die Zeitmaschine ausgedrückt hat wie ein nasses Handtuch am Strand. Bevor es ihm gelang den Blick zu heben, kam Fink hinter ihm herausgesprungen, der die Reise deutlich besser verkraftet hat.

»Das ist nicht Zagreb«, sagte er.

Mit dem Finger zeigte er auf Versailles.

»Was ist das?« fragte Višnja verblüfft.

»Versailles.«

»Welches Jahr?« fragte sie. »Wie sind wir hierhergekommen?«

Sie sah mich an. Dann sah sie auf meine Hände. Sie sah die Reserve-Konsole.

»Miststück!« kreischte sie. »Was hast du angestellt?«

»Ich habe uns in eine bessere Zeit gebracht. Ist das nicht das, was ihr wolltet?«

»Welches Jahr ist es?« fragte Fink.

»1740«, sagte ich.

Vilko schwieg. Ich wusste, dass ihn das süße Gefühl der Schuld erfasst hat.

»Das ist schrecklich«, sagte er später. »Keiner von uns spricht Französisch.«

»Du irrst dich«, sagte ich fröhlich.

Ich kann, im Gegensatz zu ihnen, fließend diese Sprache sprechen.

»Ich kann euch beibringen, wie man auf französisch Kirsche sagt – cerise«, sagte ich. »Merkt euch gut dieses Wort, denn ihr werdet es brauchen.«

Alle waren sichtlich nervös. Sie wussten überhaupt nicht, was sie mit dem französischen achtzehnten Jahrhundert anfangen sollten, aber ich war mehr als gut vorbereitet. Ich hatte ausgerechnet, dass wir gute fünfzig Jahre bis zur Französischen Revolution haben, in der sich Višnja sicherlich gut zurechtfinden würde, aber jetzt waren wir auf meinem Terrain. Wir sind im süßesten, dekadentesten Zeitalter des französischen Königs Ludwig XV. angekommen. Ich sehnte mich nach dem ausgelassenen Verhalten der Angehörigen seines Hofes.

»Auf uns wartet eine süße Lese Kirschen«, sagte ich.

Das achtzehnte Jahrhundert versprach andere Bewegungen, weit entfernt von irgendwelchen Folgen, die ich auf der eigenen Haut spüren könnte. Višnja weinte. Ihre Tränen riefen in mir einen Andrang positiver Emotionen hervor, die ich lange nicht gespürt hatte, seit dem Tod meiner Mutter.

 

Übersetzt von Valerie Puk

Original: Asja Bakić: „1740“

In: Asja Bakić: „Sladostrašće“. Beograd: Štrik 2020.
Alle Rechte verbleiben bei den Autor_innen

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