PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

17. – 22. September

von Eva Tepest

1 Vertrauen

M:
‘Vertrau mir.
Vertraust du mir?’

Therapeutin:
‘Worauf soll dieses Vertrauen denn beruhen?’

2 Projektion

Vertrau ich ihr nicht, weil ich mir selbst nicht vertraue?
Möchte ich, dass sie mich verlässt, damit ich sie nicht verlasse?
Möchte ich sie verlassen, damit sie mich nicht verlässt?
Möchte ich sie (physisch  3) überwältigen, um mir selber zu beweisen, dass ich sie will?

M:
‘Machst du all das, um dich von mir zu trennen?’

3 Sex und Intimität

‘Hör nicht auf.’ (Sexualverkehr, Nacht des 16.  5)

Meine Unsicherheit ( 4) mit Oralsex.

Normalisiertes Begehren
M: ‘Ich möchte mich an BDSM versuchen.’

4 Unsicherheit

Oralsex.

Nicht in der Lage zu sein, Nähe aufrechtzuerhalten.

Warum bist du jetzt mit einer Frau?

5 Sexualverkehr, Nacht des 16. September

Wir kommen aus dem Club zurück. Techno und Tischtennis.
Ich weine, nachdem du mich gefisted hast.

6 BDSM

Du hinterlässt einen blassen Hicky auf meinem Nacken.

Ich komme zum ersten Mal, als ich dich auf deinen Bauch drücke und von hinten penetriere, während ich mich anfasse. Ich komme lange, aber nicht sehr stark. Ich bin mir nicht sicher, ob du auch kommst, aber du drückst dir ein Kopfkissen aufs Gesicht, während ich komme (Sexualverkehr, 19. September, etwa 16 Uhr  9).

7 Beard Brothers, 19. September, etwa 14:30 Uhr

Ich esse ein Hot Dog (New York), du trinkst ein Bier (ein großes Lech  8). Du fragst mich, was ich will, ich zögere (wieder), du gehst raus, um eine Zigarette zu rauchen. Nachdem wir eingetreten sind, hat es zu regnen begonnen. Ein blonder Mann in einem grauen Shirt, in dunkelgrauen Hosen kommt mit einer Ladung Hot-Dog-Brot in den Laden und fragt: ‘Soll ich euch die Kisten hierlassen oder sie mitnehmen?’ Er soll sie mitnehmen. Auf seinem Weg hinaus bist du ihm im Weg, er fordert dich mehrfach, auf zur Seite zu gehen: ‘’Tschuldigung, ’Tschuldigung.’ Du bewegst dich nicht. Ich sehe dir zu, in deinem beigen Trenchcoat, rauchend, wahrscheinlich in den Regen versunken, der auf die Eichenbäume fällt. Schließlich spricht er dich nochmals an: ‘Junge Frau, können Sie mich kurz durchlassen?’ Er ist nicht wütend. Du drehst dich um, überrascht, und es dauert ein paar Sekunden, bis du dich endlich bewegst. Ich schaue mit einem Anflug von Scham und Zorn zu.

Endlich erreichen wir einen Punkt, eine Art Zwischenfazit. Ich sage dir, dass du den BDSM-Typen in Kopenhagen auf einen Kaffee treffen solltest. Alles gibt nach. Du berührst die Innenseite meiner Oberschenkel, atmest laut in mein Ohr, während du daran leckst. Ich sitze mit dem Rücken zum Tresen und drehe mich nur um, um nachzusehen, ob der Mann hinter der Kasse noch damit beschäftigt ist, den Lagerbestand aufzuräumen (ja). Ich sehe, wie du ihm immer wieder einen Blick zuwirfst. Als wir losgehen, hat der Regen fast aufgehört.

8 Sucht im Allgemeinen, Alkoholismus im Besonderen

Papa: ‘Finger weg von den Drogen.’ (Schwimmen im Cospudener See, 17. September  14)

Zusammen mit deinen Platten immer die Screwdrivers, Gläser voll Rotwein, Volksbier, Fischergeist. Ich weiß nicht, wo deine Gefühle für mich aufhören und wo dein Alkoholismus anfängt. Ich weiß nicht, wo dein Alkoholismus aufhört und deine Gefühle für mich anfangen.

Du unterbrichst und zündest einen Joint an, bevor wir weitermachen und vögeln (Sexualverkehr, 19. September, etwa 16 Uhr  9). ‘The cough was you in a way that couldn’t not be you.’

9 Sexualverkehr, 19. September, etwa 16 Uhr

Orgasmus

10 Alleine aufwachen, 19. September

Am Morgen erwache ich wie aus einem Fiebertraum. Lektüre: Thomas Brasch, Vor den Vätern sterben die Söhne: ‘WENN EIN LIEBENDER MENSCH SICH NICHT ZUM GELIEBTEN MENSCHEN MACHT, SAGTE MARXENGELS, IST SEINE LIEBE EIN UNGLÜCK.’ Ich gehe aus dem Zimmer und setze mich zu meinen Mitbewohnern. Ich esse ein paar Scheiben Brot. Ich nehme eine Tasse mit Tee zurück ins Zimmer und lese weiter. Ich starte eine Maschine Wäsche. Ich fange an, das Zimmer aufzuräumen. Sie hatte mir am Ende unseres Gesprächs am 18. September, nachdem wir Short Bus gesehen haben, 23 Uhr – 2:30 Uhr  11, gesagt, dass sie will, dass ich zurückkomme und ‘mindestens 10 Minuten’ an ihrer Seite sitze, wenn sie aufwacht. Als ich ihr vorschlug, dass wir auch einfach aufhören könnten, Sex zu haben, fing sie an, Rotwein zu trinken und einen Joint zu rauchen.

11 Gespräch am 18. September, nachdem wir Short Bus gesehen haben, 23:00 – 2:30 Uhr

Du hast verstanden, dass ich darüber, dass du von einem Mann, der nicht ich ist, geschwängert werden könntest, aufgebracht bin, weil ich selbst dich schon vor Wochen betrogen habe, dass ich dich überwältigen muss, um mir selber zu beweisen, dass ich dich will. Du sitzt auf dem roten Sofa und trinkst ein Glas Wein nach dem anderen.

12 Wut

‘Ich wünschte, ich hätte meine Wut besser unter Kontrolle.’ (Spaziergang durch den Wald, 17. September, etwa 17 Uhr  13)

13 Spaziergang durch den Wald, 17. September, etwa 17 Uhr

Wir liefen durch den Wald aus der Stadt heraus.
‘I walked through the Black Forest until…’

14 Schwimmen im Cospudener See, 17. September

Ich schaute aus dem Fenster, und es war Herbst geworden. Im See war ich fast bis zur Mitte geschwommen, dann bekam ich Angst davor, dass die Drogen, die immer noch in meinem Körper nachwirkten (ein Pochen in meiner linken Schläfe, die verkrampften Oberschenkelmuskeln, der Achselschweiß während meiner Therapiestunde), mich lähmen und ich herabsinken würde. Als ich mich abtrocknete, jagten zwei Schwäne eine Gruppe von Seeschwalben, die in einer langen Reihe aufgesäumt davonstoben.

15 Gespräch beim Deli, Connewitz, 17. September, 19:30 bis 20:30 Uhr

Danach bestehst du darauf, Tabak und Rotwein zu kaufen.
Wir nehmen den Bus nach Hause.
Die Typen am Nebentisch.
Wie du unter den Tisch rutschst.
Ich esse Sojasteak, Erdnussbutter und Blaubeersauce. Einen Teller Pommes.

16 Liebe, 20. September, 11 Uhr

Ich liebe es, dir zuzuhören. Du erzählst davon, dass du dich selten sicher fühlst auf ebener Erde. ‘I feel better if I walk through the basement, map a building.’ Eine Ausnahme: das Zimmer in deinem Elternhaus, davor ein Rosenbusch ‘with tiny, excruciatingly red blossoms’.

Im Schlaf stößt du mich zurück. Ich nehme das Betttuch, um dir den Schweiß von der Brust zu trocknen.

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