PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Ausgabe #1

EDITORIAL

Szene I: Auf der Anti-Legida-Demo; es sind viele Demonstrant_innen dabei,
K&O&R stehen als eine Gruppe beisammen

R: So. Wer sind wir?
K: Würd sagen wir sind ein feministisches Kollektiv.
O: Wir sind ein queeres Kollektiv.
K: Hm. Vielleicht sind wir auch idealistisch.
R: Inwiefern?
K: Weil wir glauben, dass was Schöneres möglich ist, wenn man nur alles dafür gibt.
O: Heißt das, wir sind naiv?
R: Ich würd sagen, wir sind ein begeistertes Kollektiv.
K&R: Ja.
K: Wir sind auch: Freund_innen. Und wir sind alle politisch aktiv. In anderen Kollektiven, mit unterschiedlichen Ansätzen.
R: Und du hast mal gesagt, wir können uns auch sagen, wenn uns was nervt.

Szene II: Klara-Zetkin-Park; nachts

K: Ich denke, das ist schon ok wenn mal drei Frauen sich hinsetzen und sich sagen, dass sie eigentlich finden, dass sie großartig sind.
O: Zweiteres auf jeden Fall. Ich bin mir nur nicht sicher ob wir drei Frauen sind.
K: Darüber reden wir nicht so viel.
O: Ich weiß nicht. Kommt drauf an, wie wichtig das für unsere einzelnen Kollektivmitglieder ist.
K: Wie jetzt?
O: Das Nicht-Frauenund-nicht-Männer-Sein vielleicht?
K: Eben deswegen, da reden wir nicht so viel drüber.
R: Hm. Doch, mir ist es wichtig! Aber dann ist eben wesentlich, dass es richtig verstanden wird. Ehrlich gesagt, kann ich das hier nicht so ausführen. Ich find es zwar toll, wenn Frauen* – wenn wir uns hinsetzen und sagen wir sind großartig. Aber bei mir lässt sich das eben nicht so einfach sagen, das ändert sich des öfteren, in viele Richtungen und es ist schwer, das mal zwischendurch zu erklären …

 Szene III: In einem Paddelboot auf der alten Donau in Wien; K&R munter voran, O mit dem Hund langsamer hinterher

K: Wie kommt das, dass ihr euch das leisten könnt? An die, sagen wir mindestens die letzten drei Wochen, vierzig Stunden an diesem Projekt zu arbeiten?
O: Ich glaube, bei mir sind das alles noch ziemlich einfache und leichte, also studentische Zusammenhänge. Meine Eltern, besonders meine Mutter, unterstützen mich und ich habe zwei Nebenjobs. Dann kommt noch hinzu, dass ich nicht so viel Miete zahle. Das trägt sicher auch dazu bei, dass das beides zusammen ausreicht.
R: Bei mir spielt auch hinein, dass die Mieten in Leipzig sehr viel niedriger sind als in Wien. Und ich derzeit von der EU dafür Geld bekomme, dass ich für ein Semester von Wien nach Leipzig gekommen bin, um zu studieren.
K: Bei mir ist es auch ähnlich. Einerseits, dass die Fixkosten so niedrig sind in Leipzig, und dass ich auch von meiner Mutter unterstützt werde. Und ein bisschen auf Reserven zurückgreifen kann.

Szene IV: Auf einem Wagenplatz; Betonplatten und unerbittliche Sonne

O: Das ist doch ein riesiger Unterschied zwischen uns dreien: fünfzehn Jahre. Gefühlt ewig. Was für eine Rolle spielt das?
K: Das würd ich gerne rausgelöscht haben, weil ich nicht so auf mein…
O: Ja, ok.
K: … Alter….
O: Aber du bewegst dich doch jetzt schon länger als wir in Kontexten… –
K: Wir reden auch nicht darüber, dass ich nen Migrationshintergrund hab und ihr nicht.
R: Stimmt. Da sind schon viele Unterschiede. Sollten wir mal nachdenken, warum wir nicht so viel darüber reden?
O: Ja.
K: Aber was ich noch sagen möchte: zu den Wohlfühlbedingungen hier gehört dazu, dass ich beim Einkaufen schon vorab immer mitdenke, was ihr gerne esst und das dann extra dazukaufe.
O: Unglaublich. Willst du einen Anstecker?
K: Nein. Ich hab mir gedacht, ich wollte das mal gesagt haben. Und auch neunzig Prozent abwasche. Und koche.
O: Diese Diskussion müssen wir nun nicht nochmal führen.
R: Das sind die Reproduktionsbedingungen.
K: Ja.
O: Aber dafür, dass wir eine Stunde mehr Zeit investieren mit dem Hin- und Herradeln.
R: Und das Aufstehen.
K: Wobei… ich steh genauso früh auf, weil ich ja noch…
O: Das ist deine freie Entscheidung!
K: Nein, weil ich mit dem Hund vorher noch geh…
O: Der Hund ist deine freie Entscheidung!
K: Das kann man so nicht runterbrechen. Auch nicht bei Kindern. Weil, das war mal eine freie Entscheidung, aber jetzt ist das kollektiv. Und wenn ich Teil eines Kollektivs bin, ist automatisch mein Hund auch Teil eines Kollektivs. Und damit auch Teil des Unseren.
R mit Blick auf den schlafenden Hund: Weswegen sich auch die Kali sehr anstrengt. Damit das auch mal gesagt ist.
K: Und weswegen sie quasi auch mitgedacht werden muss.
O: Genau. Wir fahren immer her und dafür…
K: Siehst du? Hier hakt es.
O: …wird Kaffee bereitgestellt. Nein.

Szene V: Im Gemeinschaftsraum des Deutschen Literaturinstituts; der Hund will endlich hinaus, es ist gegen Mittag und alle vier sind sehr hungrig

K: Also warum machen wir das? Dieses Projekt, diese Auseinandersetzung in einer Zeitschrift.
R: Viele Gründe.
K: Ich mach das auch für mich. Ich mein für mich, weil ich find irgendwie dieses Projekt brauchts in diesem Betrieb, in diesem System, in diesem Kunstliteratursystem. Und, hm, weil so wie dieser Betrieb ausgerichtet ist, ich mich da drin einfach nicht wohl fühl. Und ich das Gefühl hab, irgendwie, es gibt andere die fühlen sich da drin auch nicht wohl und ich wills anders.
O: Also da wo wir irgendwie merken, dass es Auswirkungen auf uns selber hat und wo wir dann aus ganz egoistischen Gründen sagen können: ich kann es mir besser, ich kanns mir anders vorstellen! Aus dem allein, was schief läuft, könnten wir uns ja vielen Bereichen zuwenden.
K: Ja!
R: Nicht nur. Ich will schon auch, dass eine schöne Welt für viele da ist. Nicht nur für mich. So.
O: Ja, das ergibt sich doch daraus. Meine kann gar nicht schön sein, solang sie nicht für die Anderen auch schön ist. Das ist ja diese Verbundenheit – also Verbundenheit ist so ein blödes Wort – aber dass die bewusste und gelebte Verbindung noch da ist zu dem, was überall sonst passiert!

Szene VI: Auf der Anti-Legida-Demo; die Polizist_innen stehen im Weg; die drei setzen sich auf einen Randstein

O: Ich habe ein bisschen befürchtet, dass wir alle drei sehr ähnliche Gründe haben. Das ist auch ein Grund, eine Gefahr vielleicht in unserem Kollektiv, dass wir uns alle zu einig sind.
K: Die weißen Flecken.
O&R Die weißen Flecken?
K: Findet das, was in unserer Ausgabe fehlt.
R: Wie meinst du das?
K: Schaut mal, jetzt wo wir alle Texte beisammen haben, unsere erste Ausgabe an und findet das, was fehlt.
O: Oh.
R: Verdammt.
K: Wir brauchen diesen Beirat.
O: Ja. Andere, die da auch noch drauf achten.
R: Stimmt.
K: Naja. PS ist ja auch ein Prozess. Wir haben gerade erst begonnen.
O: Du meinst, die Menschen werden nachsichtig sein?
K: Vielleicht. Wir sind ja bei den ganzen Typen auch immer wieder nachsichtig.

 Szene VII: In einem Paddelboot an der Alten Donau in Wien; der Hund schläft und die Gelsen stechen

K: Wir wollen ja auch keine Botschaften senden.Weil alle immun sind gegen Botschaften. Ich bin ja selber immun gegen Botschaften.
O: So wie du möchte ich mal an Werbeplakaten vorbeifahren können! Mich nerven die noch. Du siehst die gar nicht.
K: Nein, ich seh die nicht mehr.
O: Ja. Und das ist aber gleichzeitig eine verdammt schwierige Aufgabe. Durch Veränderungen im Inhalt und in der Form irgendwie drumherum zu kommen, dass es einfach abprallt.
R: Mhm. Wie es möglich ist, einen Punkt zu vertreten, ohne gleich mit einer Ideologiekeule zu kommen, oder mit einer Moralkeule.
O: Es reicht ja schon: Wie es möglich sein kann, einen Punkt zu vertreten und wirklich in die Leute reinzukommen. Also die Distanz zu überwinden, die Gleichgültigkeit, die Fremdheit – so, dass jemand sich in seiner Ruhe angegriffen fühlt oder in der Eingerichtetheit, der Hilflosigkeit oder in Jammern – Naja, jetzt wirds fies. Ich hör mal auf. So.

Szene VIII: Im Gemeinschaftsraum des Literaturinstituts; inzwischen satt, erschöpft auf den restlichen Stühlen hängend

R: Und warum denn überhaupt diese Form?
K: Diese Form?
O&R: Ja: Zeitschrift!
O: …Was Besseres ist uns nicht eingefallen.
K: Nein, tatsächlich. Also weil es geht ums Schreiben… ­–
R: Naja. Ihr habt doch… –
O: Wir sind nicht fotogen, deswegen nicht Fernsehen.

Szene IX: Klara-Zetkin-Park; nachts, mit Computern und Papierstapeln

O: Wir geben uns ja Mühe und suchen auch gezielt danach, Texte zu veröffentlichen, die nicht unbedingt unsere konkrete Meinung widerspiegeln, sondern vielmehr ein breiteres Spektrum abbilden, welches nicht eine bestimmte, politische Linie fährt.
K: Naja. Du meinst jetzt das mit dem Fußball.
O: Ja, ich mein das mit dem Fußball. Genau.
R: Wobei Fußball cool ist.
O: Mhm.
K: Ach wirklich?
R: Ja. Fußball spielen ist cool. Fußball schauen nicht.
K: Aber dieser Hype da drum ist nicht cool.
R: Das stimmt.
O: Nagut. Lassen wir das Fußball. Nächster Punkt: die Konkurrenz und was uns annervt, triggert und so. Also können wir konkret werden, warum zum Beispiel ‘Konkurrenz und Kanon’.
K: Ja, und warum genau diese beiden Begriffe, jenseits davon, dass sie extrem gut zusammen klingen.
R: Warum ‚Konkurrenz und Kanon’ … oder genauer gefragt: wie kann denn etwas anders aussehen? Wie kann ein Literaturbetrieb aussehen, den wir uns wünschen würden? Wie kann der solidarisch orientiert sein? Ist das überhaupt möglich?
K: Und was heißt das dann praktisch?
R: Genau.
K: Also was heißt das dann quasi praktisch?
O: Was heißt das praktisch?
K: Das ist ja die Frage, die wir uns mit diesem Thema gestellt haben, also auch uns selber. Weil wir sind da ja genauso Agierende drin.
R: … Was ist mit diesem Kollektivroman, der letztens herauskam?
K&O: Naja, es gibt viele Kollektivromane.
O: Es gibt viele Ausnahmen, aber die Regel …
K: Die leben garantiert nicht von ihrem Kollektivroman, oder?
R: Bestimmt nicht.
K: Das ist nämlich das Problem.
O: Und die anderen neunzig Prozent bewegen sich in diesem kalten Herz und frieren irgendwie und sind allein und kommen noch nicht mal auf die idee sich zu beschweren, oder sie suchen dafür andere Gründe.
R: Ja.
K: Und machen Therapien. Weil sie glauben, es liegt an ihnen. An ihrer Person. Und nicht an den Umständen.
R: Vor allem, irgendwann ist dann ja so ein Moment von Resignation – hab ich das Gefühl – auch oft zu spüren.

Szene X: Im Gemeinschaftsraum des Literaturinstituts, es ist stickig, hinter der Tür ungestörter Universitätsbetrieb

K: Also da war ich auch richtig baff. Als ich irgendwie mitbekommen habe, dass politisch schreiben quasi ‘out’ ist. Das war auch etwas, womit ich irgendwie nicht gerechnet hab. Weil ich mir immer dachte: Na eh ganz logisch – Politisch Schreiben. Also für mich war irgendwie überhaupt Schriftstellerin sein unzertrennlich damit verbunden eine Gesellschaftskritik intus zu haben, dass die automatisch einfließt, in das was man schreibt und so politisch wird.
O: Aber es wird als unliterarisch hingestellt.
K: Genau. Also es ist dann halt nicht Kunst. Aber ich hab mich auch überhaupt nicht ausgekannt damals mit Kunst. Jetzt versteh ich ja langsam worauf da überhaupt Bezug genommen wird und wie Leute auf diese Ideen kommen und diese Geschichten dahinter.
O: Und dann kommt noch der Kanon hinzu.
K: Der Kanon. Also warum ich find, dass der Kanon so ein wichtiges Thema ist und da drauf beharre ich, also warum wir ja auch als Kollektiv eine Rekanonisierung fordern, ist nicht nur weil ich die ganzen Männer blöd finde, die in diesem Kanon sind, das ist gar nicht der springende Punkt, sondern weil ich glaub, dass damit eine bestimmte Sprache, eine bestimmte Art zu schreiben..
O: …eine bestimmte Art zu sehen…
K: …zu sehen, zu denken und zu formulieren, uns allen von kleinauf suggeriert wird. Und damit unser Verständnis von Schönheit, Ganzheit und Form prägt. Und dass das aber nicht alles sein kann. Es gibt mehr als das. Ja, mehr Welt im deutschsprachigen Raum, na?! Also ich mein, dass zum Beispiel mehr Literatur von Migrantinnen und Migrantinnen da drinnen sein kann, dass…
R: Du hast Migrantinnen und Migrantinnen gesagt.
K: Ja. Und dass …
R: Find ich gut. Durch die Wiederholung wird verstärkt wie wichtig das ist.

Szene XI: In einem Paddelboot an der Alten Donau in Wien; der Hund schwimmt und zieht an zwei Leinen die schmalen Boote hinter sich her, niemand paddelt mehr

O: Aber was ist zu tun?
K: Zum Beipsiel, dass man sich eine monetäre Umverteilung überlegt.
O: Das ist aber höchstens eine Grundlage dafür, dass es besser wird und gar nicht unbedingt ein Ziel…
R: Dass es Banden gibt, die sich bilden und sich gegenseitig stützen…
O: Oh ja! Banden bilden. Sowieso super.
K: So eine Perspektive, also die Perspektive aus der heraus gewählt wird, zu hinterfragen.
O: Also das mit den Generationen : Es ist einfach elementar, dass wir nicht jedes mal und mit jedem Leben von neuem anfangen können und wollen, uns andere Perspektiven, feministische Perspektiven zum Beispiel, zu erarbeiten, sondern dass wir da auch mal ab einem bestimmten status quo ansetzen wollen, um weiterzukommen. Das geht aber weniger, wenn jede Heranwachsende selbst erst wieder diesen weiß und männlich dominierten Kanon durchsteigen muss, um an Honigstellen heranzukommen.
R: Ja. Es gibt da diese Zeitschrift Weiber-Diwan…
K: Ohja!
R: Jedes mal, wenn ich da durchblättere – und da sind wirklich so viele seiten Buchbesprechung an Buchbesprechung, Empfehlung an Empfehlung und einfach so cool feministisch, dass ich mir denke: es gibt so viele Bücher! es gibt so viele Texte! es gibt so viele tolle Frauen* und Menschen da draußen, die feministisch arbeiten, wo zur Hölle sind die? Und warum sind wir nicht schon ganz woanders? Warum ist die welt nicht schon so verändert dadurch? Warum weiß ich so wenig davon, außer ich begeb mich auf die Suche danach?!

Szene XII: Nach der Anti-Legida-Demo, auf dem Heimweg, die Drei haben Wasser und Brötchen in den Händen

R: Da ist vor allem spannend, wie wir selbst bei Lektorats- und Textauswahlarbeit an unsere Grenzen gestoßen sind, denn: nach welchen Kriterien gehen wir da vor? Wie können wir verhindern, gewisse Ausschlussstereotypen zu verhindern?
O: Ja. Darüber müssen wir unbedingt noch reden.
K: Stimmt.
O: … Damit wir die transparent haben.
R: zum Beispiel, dass wir nach Autor_innen suchen, die politisch aktiv sind und sich darum nicht so um ihr literarisches Weiterkommen kümmern können.
O: Oder, welche, die ohnehin marginalisiert werden. So, als ‚die Anderen’.
K: In die Spartenliteratur abgeschoben werden.
R: Oder als Genreliteratur neben die ‚echte Literatur’ gestellt sind.

Der Hund bekommt ein Brötchen. Die Drei bleiben stehen, der Hund knuspert, sie sehen sich an.

O: Ich bin jetzt knülle.
K: Ich auch.
R: Hm, was?